Dienstag, 15. Februar 2011

Planung des Urlaubs

Noch bevor ich Conny kennen lernte hatten wir beschlossen Urlaub an der polnischen Ostseeküste zu machen. Wir, das waren Roland, Becki und ich. Das hieß aber auch wir mussten einen 1202 in einen fahrbereiten Zustand versetzen, so dass er auch einer Kontrolle der Polizei stand hielt. Hüni war ja bei der Armee, der konnte nicht mit Schrauben, da musste Becki eben mit ran, er lernte schließlich auch Kfz Schlosser. Roland wurde mit der Zeit immer knatziger. Ich fragte ihn was los ist. Er jammerte, dass er in letzter Zeit viel allein schrauben müsste, ich wäre auch nur noch zweimal in der Woche da. Ich sagte, das muss langen denn schließlich hätte ich auch noch eine Freundin, die mich hin und wieder einmal sehen möchte.
Aber in den Urlaub willst du auch meinte Roland.
Das war wohl war, es störte ihn aber auch nicht, wenn Becki mit seinen Weibern rum zog. Den sah er nach Feierabend noch viel weniger wie mich.
Das ist was ganz anders, meinte Roland darauf hin, der macht ja richtige Kfz Arbeiten und nicht solche Hilfsarbeiten wie du. Außerdem hat er noch nie mit uns so richtig mit geschraubt.
Jetzt wurde ich richtig sauer und sagte zu Roland, wenn du meine Arbeit so einschätzt kannst  du mit Sicherheit ganz auf meine Hilfe verzichten, schließlich sind es ja deine Autos und nicht meine. Ich war richtig angefressen und ließ Roland stehen. Urlaub konnte ich auch ohne ihn machen. Zwei Tage später stand Roland vor der Tür und meinte er hätte es so nicht gemeint. Ich war richtig erleichtert, das wir uns wieder aufeinander zu bewegten. Im Frühjahr wechselten wir die Karosse. Roland hatte eine bekommen, die noch einigermaßen vernünftig war. Die Löcher waren nur halb so groß, wie in der alten Karosse. Ich verspachtelte und verschliff die Roststellen. Nachdem Roland und Becki das Innenleben in der Karosse ausgebaut hatten, fingen wir an das Auto mit dem Pinsel zu streichen. . Lackieren war einfach zu teuer. Zuerst einen Grundanstrich und dann ein freundliches Schokoladenbraun als Deckfarbe . Das Dach strichen wir gelb.  Zu guter Letzt mussten noch die Scheiben eingebaut werden. Bei den Hintertüren gab es Probleme mit den Scheiben. Sie passten mehr schlecht wie recht in den Kurbelautomat.
Kurz vor den Schulferien wurde das Auto fertig. Roland lud Becki und mich in die Eutschützer Mühle zum Tanz ein. Freitag nach der Arbeit trabten wir los. Die Eutschützer Mühle befand sich in Bannewitz, einem kleinen Vorort von Dresden. Mit dem Bus fuhren wir bis Dresden Kaitz und liefen dann den Rest. Ruhig in einer engen Talsenke lag die Mühle. Roland hatte die Karten im Vorfeld organisiert. An dem Abend lernte ich Sabina kennen. Sie erzählte mir, dass sie aus Dresden Coschütz kommt und ihr Freund hätte sie mit dem Auto hierher gefahren. Da er zweite Schicht hat könne er nicht  mit zum Tanz. Sie selber wäre wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Prof. Köhler an der Uni. Ich wusste Sabina hatte ich schon einmal gesehen, konnte sie aber nicht einordnen. So alberten wir rum bis 23.00 Uhr, dann musste sie gehen. Am nächsten Montag fuhr ich in die Berufschule. Verschlafen saß ich in meinem Abteil und döste vor mich hin. In Pirna stieg ich aus. Auf dem Weg zur Schule lief vor mir eine junge Frau. Sieh an dachte ich, das ist doch Sabina, von wegen wissenschaftliche Mitarbeiterin. Schnell lief ich an ihr vorbei und grüßte, Guten Morgen Frau wissenschaftliche Mitarbeiterin. Verlegen senkte sie ihren Kopf. So ein Aas dachte ich und sah zu, dass ich fort kam.
Am Nachmittag holt ich Conny von Arbeit ab und fuhr mit ihr nach Hause. Ich brummte mal wieder, wie so ein Hochleistungstrafo. Aber der Schwiegermutterdrachen war zu Hause und passte auf wie ein Schießhund. Conny meinte, komm lass uns zum Wasserturm hoch laufen da ist ein großes Feld, da haben wir unsere Ruhe. Also machten wir uns auf die Strümpfe und zogen los. Im Feld machten wir es uns gemütlich, so gut es ging. Auf einmal merkte ich wie es unten herum feucht wurde. Ich  schaute nach und meinte erbost, du hättest mir ruhig sagen können, dass du deine Tage hast. Sie schaute verdutzt und meinte, das könnte nicht sein. Ist aber alles blutig erwiderte ich und schaut noch einmal nach  und siehe da, ich hatte mir im hohen Gras mein bestes Stück aufgeschnitten  und jetzt blutete es ganz gewaltig.
Bevor wir auf Arbeit in die einzelnen Abteilungen aufgeteilt wurden, mussten wir unsere Werkzeugmarken abgeben. Leinert sah schon seine große Stunde gekommen. Als wir unsere Marken abgegeben sollten, kam er mit den verloren gegangenen Werkzeugmarken und fragte, na wer muss denn jetzt noch etwas bezahlen? Thomas wie sieht es denn bei ihnen aus, ich habe zwei Marken von ihnen, das macht 20 Mark.
Ich sagte, ich weiß nicht wo die herkommen, mein Satz Werkzeugmarken ist jedenfalls vollständig. Leinert, sagte das kann nicht sein und zählte nach, er war sprachlos, mein Satz war vollständig. Genauso erging es ihm bei den Anderen. Es war für Leini kein guter Tag. Er ahnte wir hatten ihn ausgetrickst, aber er wusste nicht wie und er konnte es uns nicht nachweisen.
Komm doch mit zu nem ritt auf dem Sofa
Komm doch bitte mit zu mir
Komm doch bitte mit zu mir - warum stehen wir noch hier?*

*Lied Gruppe Amor and the Kids

Abschlussprüfung

Die Abschlussprüfungen standen an. Die Lehrer machten ihre Vorzensuren fertig. Das war Lehrer Krauses große Stunde. Den hatte ich zwei Jahre lang in schöner Regelmäßigkeit geärgert. Er schaute sich die Zensuren an und wollte als erstes die Vorzensur für den besten Schüler festlegen. Ich hörte gar nicht hin, denn der Beste, da war ich mir sicher, konnte ich nicht sein, drehte mich um und schwatzte mit Bernd. Auf einmal sagte Krause, der beste Schüler in meinem Fach sind sie Müller. Ich fühlte mich nicht angesprochen, schließlich gab es ja noch zwei andere Müller in der Klasse und schwatzte munter weiter. Krause hob seine Stimme, Müller ich rede mit ihnen. Bernd sagte, du der meint dich. Ich drehte mich zu Krause und sagte, das kann gar nicht sein, ich habe doch bei den Leistungskontrollen immer bei Löffel abgeschrieben, der muss auf alle Fälle besser sein wie ich. Die Klasse johlte vor Freude. Ich war ehrlich überrascht, das hatte ich nicht erwartet. Krause meinte zu mir, Müller sie stehen auf 1,5, wenn ich ihnen eine 1 als Vorzensur gebe können sie von der Prüfung befreit werden. Das würde ich in der Klasse jeden gönnen, nur ihnen nicht. Bei diesen Worten blühte er auf, sein fahles Gesicht bekam richtig Farbe und er lächelte dabei wie frisch verliebt. Sie bekommen bei mir eine 2 als Vorzensur. Innerlich ärgerte es mich schon aber anmerken lassen wollte ich mir das nicht. Treuherzig schaute ich ihn an und sagte, das betrachte ich als angemessen. Die Klasse lachte wieder. Auch in den anderen Fächern stand ich so, das selbst wenn ich eine Prüfung total verhaute, nicht durchfallen konnte. Das beruhigte meine Nerven.
In einer der Hofpausen standen Bernd und ich wieder auf dem Schulhof rum und rauchten. Dabei schauten wir auf die Gottleuba. Diese führte bedrohlich viel Hochwasser. Die Straßenbrücke stand kurz vor der Überspülung und dann würde das Wasser auch in den Schulhof laufen. Bei Herschel war das Hochwasser Thema in der nächsten Stunde. Aller 25 Jahre käme es so schlimm und die wären jetzt um. Er konnte sich noch an das Letzte gut erinnern. Das mit den 25 Jahren hatte ich schon des Öfteren gehört. Auch mein Vater erzählte einmal davon. Da hatte es ganze Häuser fortgerissen und es soll damals viele Tote gegeben haben. Aus diesem Grund hatte die Talsperrenverwaltung der DDR am Oberlauf der Gottleuba eine Talsperre errichten lassen. Vor knapp zwei Jahren war sie gerade noch rechtzeitig fertig geworden. Gar nicht auszudenken wie es hier aussehen würde, wenn es die Talsperre nicht gäbe. Ursache für das Hochwasser, hieß es, wären fehlende Bäume in den Kammlagen des Erzgebirges, wo der Fluss entsprang. Die Bäume waren dem Raubbau der zwanziger und dreißiger Jahre zum Opfer gefallen. Neuaufforsten war schwierig. Die Abgase der Industrieanlagen im Böhmischen Becken auf tschechischer Seite ließen ganze Wälder sterben und Besserung war nicht in Sicht. In der DDR versuchte man rauchresidente Bäume zu züchten. Aber man war noch beim experimentieren. Der Erfolg ließ auf sich warten.
In zwischen schrieben wir die ersten Prüfungsarbeiten. Immer einen Tag vor der Prüfung schaute ich mal flüchtig in den Hefter, um meine Erinnerungen aufzufrischen. Nur im Fach Werkzeugmaschinenkunde mühte ich mich mehr. Bei Herschel wollte ich schon mit einer zwei auf dem Zeugnis die Schule beenden, was ich auch schaffte. Bei Krause hatte ich die Prüfung verhauen, ich schrieb eine vier. Krause war es bestimmt ein Genuss mir eine drei auf dem Abschlusszeugnis zu verpassen. In der letzen Stunde bei Herschel lobte er unseren guten Zensurendurchschnitt. Wir wären ein ganzes Stück besser, wie seine eigene Klasse. Auch Herr Schrader unser eigentlicher Klassenlehrer war stolz auf uns. Er fragte nicht nur mich ob wir Lust hätten zu studieren. Da gäbe es nach erfolgreichen Lehrabschluss Möglichkeiten. Von Vorteil wäre es natürlich sich für eine längere Dienstzeit bei der Armee zu entscheiden. Ich verspürte auf einmal keine Lust mehr zu studieren.
Jetzt galt es Abschied zu nehmen von den Thüringern. Zwei Jahre waren geschafft. Das letzte halbe Jahr ihrer Lehrzeit würden sie im Feingusswerk Lobenstein beenden. Es war von Anfang an klar das es so kommen würde aber der Abschied viel mir verdammt schwer. Ein Trost blieb, zur Freisprechung würden sie noch einmal zwei Tage nach Dresden kommen. Einen Tag bevor sie nach Hause fuhren, gingen wir noch mal einen richtig schweppern.

Lass es laufenden Berg hinunter
Lass es laufen durchs Tal
Gott hat dem Fluss den Weg gegeben
Sicher tut er es nicht noch einmal
Bitte lass ihn ungestört
Das Wasser weiß selbst wo es hin gehört*
*Lied der Gruppe Keimzeit

Der Wettkampf

Es wurde Mai. Der 1. Mai war wie immer Feiertag. Es wurde der internationale Arbeitertag gefeiert. Wie jedes Jahr wurden republikweit Demonstrationen organisiert. Das lief über die Städte und Gemeinden sowie den ortsansässigen Betrieben. Ich verspürte seit meiner Schulzeit keine Lust daran teil zu nehmen. Genau genommen war es freiwillig da mit zu machen. Aber es wurde vermerkt wer erschien. Es war wie ein freiwilliges Muss. Das beschrieb die Situation am Besten. Ich überlegte mir, wie ich mich am Unauffälligsten davor drücken konnte. Also sagte ich zu Eckhold, ich gehe in meinem Heimatort Dresden demonstrieren, da ist viel mehr los wie in Heidenau. Außerdem sind bei den Feierlichkeiten in Dresden, hochrangige Politiker anwesend. Eckhold schaute mich schräg an. Meinte nach einer kurzen Denkpause, von mir aus. Letztendlich konnte er mir schlecht untersagen an den Feierlichkeiten in Dresden teilzunehmen. Nur das ich dort nie erschien. Eckhold wird es sich schon gedacht haben, aber nachweisen konnte oder wollte er es nie. Mai, die Prüfungszeit stand an. Doch bevor es soweit war erhielt ich eine Einladung zu einem internationalen Wettkampf in der CSSR. Ich war aufgeregt. Es war das erste Mal das ich eine erhielt. Die besten 10 Fahrer der Rangliste wurden eingeladen. Ich lag auf Rang 7 und war der Einzige von unserer BSG der eine Einladung erhalten hatte. Aber von Lok Dresden fuhren noch Gerd Schattschneider und Thomas Mütze mit. Gerd wohnte im Nachbarhof auf der Leubnitzer Straße. Er hatte es mitbekommen, das ich auch eine Einladung erhalten hatte und sprach mich an ob wir gemeinsam zum Wettkampf fahren wollten. Mir war es recht, gerade im Ausland fuhr man lieber zu zweit. Ich musste bloß mit Herschel klar kommen, denn mittags 12.00 Uhr wollten wir starten. Kurz vor der Prüfungszeit hatten sich die Lehrer immer etwas eng. Ich zeigte Herschel die Einladung, kein Problem meinte er, da haust du nach der dritten Stunde ab. Ich hängte die Sache nicht an die große Glocke und das war gut so. Müller Frank  hatte am gleichen Tag eine Einladung von seinen Eltern erhalten, sie hatten Silberhochzeit. Herschel war gnadenlos, er ließ Frank nicht gehen. Frank hatte es bei Herschel einmal verschissen, das war gleichbedeutend mit immer.
Wir trafen uns am Hauptbahnhof und fuhren mit unseren Rädern einschließlich Gepäck nach Schmilka an die tschechische Grenze. Mit der S – Bahn ging es problemlos. Hier schwangen wir uns auf die Räder und fuhren rechtseitig stromaufwärts Richtung  Usti. Auf tschechischen Straßen kam man gut voran. Sie waren fast alle asphaltiert. Wir fuhren direkt an der ersten Staustufe der Elbe vorbei. Eine finstere Staumauer mit einer Schleuse für die Schifffahrt. Ich war beeindruckt, denn ich wusste gar nicht, dass die Elbe soweit unten mit Staustufen versehen war. Hinter Usti quälten wir uns 6 km aus dem Elbtal raus. Nicht so wie in Dresden, wo man in einer viertel Stunde aus dem Elbtal raus war. Hier trat die Elbe aus dem nordböhmischen Mittelgebirge und die höchsten Gipfel lagen bei 800m ü. M. Als wir es endlich geschafft hatten, querten wir den Kamm um gleich wieder Richtung Elbe zu verschwinden. Steil ging es ab Richtung Leitmeritz. Nach ca. 20 Minuten hatten wir das Zentrum erreicht. Leitmeritz war eine schöne Stadt, mittelalterliche Bogengänge zierten den Marktplatz. Viel Zeit hatten wir nicht um die Stadt anzuschauen, weiter fuhren wir Richtung Roudnice. 5km vor Raudnitz  so hieß die Stadt mit deutschen Namen bogen wir in Richtung ausgeschriebenen Autocamping ab. Ich fragte Schatti ob er wüsste was die Tschechen unter einem Autocamp verstehen. Er meinte in der Regel sind das kleine Holzhütten mit vier Betten, zentraler Toilette und einer kleinen Gaststätte. Ich freute mich, denn ich wollte schon immer einmal in so einer Hütte übernachten. In der DDR gab es ja so etwas nicht. Von den Deutschen waren wir die Letzten die Anrückten. Die Zwickauer, Leipziger und Bitterfelder waren alle schon da. Die Tschechen waren richtig tolle Gastgeber.
Die Ausländer die da waren, Polen, Franzosen und wir Deutsche wurden alle extra bewirtet.
Nach dem wir unser Gepäck in der Hütte verstaut hatten machten wir uns zu Fuß auf den Weg zum Abendbrot. Eine viertel Stunde mussten wir traben. Während des Essens fing es an zu regnen. Aus dem Regen wurde ein Unwetter. Eine halbe Stunde schüttete es wie aus Gießkannen, so etwas hatte ich noch nicht erlebt. Wir zogen uns Schuhe und Strümpfe aus, krempelten die Hosen hoch und liefen auf der überschwemmten Straße zurück. Von den Hängen lief das Wasser in Strömen herab. Wir fingen an zu rennen, es hatte wieder angefangen zu regnen. Die kleine Holzbrücke über den Bach war schon überspült. Wir kamen gerade noch hinüber. Von hier waren es noch 200 bergan bis zur Hütte. Als wir unter dem kleinen Vordach standen, merkte Schatti dass er den Schlüssel verloren hatte. Der Campwart lief gerade durch die Anlage und kontrollierte ob alles in Ordnung war. Schatti machte ihm verständlich was passiert ist. Im gebrochenen deutsch antwortete er, wenn er den Schlüssel nicht findet, muss er 10 Mark bezahlen, wegen der Türreparatur.  Ich sagte zu Schatti, komm wir legen das Geld zusammen. Er wollte nicht und machte sich auf den Weg. Ich dachte noch der ist verrückt. Nach einer halben Stunde kam er wieder, völlig durchnässt über und über mit Schlamm bedeckt. Das Wasser hatte ihm die Beine fortgerissen als er über die Brücke wollte. Er konnte sich gerade noch am Brückengeländer festhalten. Zum Schlüssel hatte er nun noch sein Portmonaise eingebüsst. In zwischen hatte der Platzwart die Tür geöffnet, brutal mit einem Brecheisen. Das hätte er auch anders lösen können und wir hätten die 10 Mark gespart. Ich legte das Geld aus und borgte Schatti extra noch 10 Mark. Er war froh dass er seine Papiere separat gelegt hatte. Im Holzhaus befand sich ein kleiner Bahnheizkörper. Wir hängten seine Sachen zum trocknen auf, anschließend schlossen wir die Türe, mittels eines Strickes den wir durchs Schlüsselloch gefädelt hatten und banden diesen an einem der Betten fest. Endlich gegen 24.00 Uhr kamen wir zur Ruhe. Am Samstag Morgen holten uns die Tschechen mit einem Bus ab und fuhren uns nach Melnik und Rudnice zur Stadtbesichtigung. Anschließend war Weinverkostung angesagt, in einem kleinen Weingut bei Roudnice. Wir stiegen hinab in ein Kellergewölbe. Es war angenehm kühl, denn die Sonne brannte draußen ordentlich auf den Planeten. Ca. 2 Stunden dauerte die Verkostung. Zwischen den einzelnen Weinsorten aßen wir immer ein Stück Weißbrot zur Geschmacksneutralisierung. Während der Verkostung viel mein Blick immer mal wieder auf das junge Gemüse, sprich die 9 bis 14 jährigen. Die meisten kamen aus Bitterfeld. Kräftig naschten sie vom Wein. Das Erwachen kam als wir den Keller verließen und in die pralle Sonne traten. Die Sonne aktivierte den Kreislauf und brachte den Alkohol zum wallen. Wie ein Hammer schlug er zu. Ich dachte noch bloß gut dass es nur bei der Verkostung geblieben war, als sich die ersten Kinnings ihren Kittel bekleckerten. Aber auch manchen Erwachsenen erging es nicht viel besser. Ich für meinen Teil hielt mich bis nach dem Abendessen an alkoholfreie Getränke. Zum Abendbrot hatten die Tschechen uns in ein Tanzlokal eingeladen. Nach dem Essen wurde es munter. Wie hieß es doch so schön „ Bömisch Bier und dicke Weiber, da geht die Post voll ab “, oder so ähnlich. Jedenfalls schwang ich mein Tanzbein. Eifrig schob ich so eine blonde Schönheit vor mir her und versuchte eine Konversation aufzubauen, mittels ein paar Brocken russisch und tschechisch. Aber die Gute verstand mich einfach nicht.
Am nächsten Morgen um 9.00 Uhr begann der Wettkampf. Zum Aufwärmen hatte ich erst einmal ein paar Runden auf dem Rad gedreht. Als ich langsam Richtung Start rollte, sah ich eine junge blonde Frau in einer Gruppe stehen. Ich dachte Mensch das ist doch die von gestern Abend, wie kommt die denn hier her?  Ich schaute noch einmal genauer hin, na klar das waren doch die Polen, die ebenfalls an den Wettkampf teilnahmen und ich dachte ich hätte mit einer Tschechin getanzt, ja der liebe Alkohol.
Der Wettkampf begann, in Minutenabständen wurden die einzelnen Fahrer losgeschickt. Ich hatte noch eine viertel Stunde Zeit, auf einmal kamen die ersten Fahrer wieder zurück. Aufgewühlt erzählte Karl Heinz, ein Fahrer aus Zwickau, in dem Wald wo der Wettkampf statt fand liegt die tschechische Armee auf  Manöver und lässt keinen rein. Der Wettkampf wurde unterbrochen. Die tschechische Wettkampfleitung machte sich auf zu den leitenden Offizieren. Es stellt sich raus, sie hatten zwar den Befehl zur Freigabe des Waldstückes erteilt, dieser hatte aber noch nicht alle Truppenteile erreicht. Irgendwie fand ich das peinlich aber andererseits war es gemütlich böhmisch. Der Wettkampf wurde neu gestartet. Als ich ins Rennen ging merkte ich sehr schnell, in dem Wald wimmelte es von Soldaten, die gab es reichlicher wie Pilze. Nicht lange und ich hatte die ersten Fahrer überholt, es waren Tschechen. Verwundert stellte ich fest, dass sie um die Pfützen, von denen es nach dem schweren Unwetter reichlich gab, herumfuhren. So hatten sie natürlich keine Chance einen Blumentopf zu gewinnen.
Das GOF lief immer nach dem gleichen Prinzip ab. Mit dem Start ging man an einem Tisch, hier bekam man von der Wettkampfleitung ein Messtischblatt im Maßstab 1 : 25000 gereicht. Mit diesem ging es an den nächsten Tisch. Hier lagen für jede Altergruppe Messtischblätter mit eingezeichneten Kontrollpunkten aus. Diese musste man auf die eigene Karte übertragen.  Dabei ließ ich mir immer Zeit, es war schon für den Wettkampf enorm wichtig die Punkte exakt einzutragen. Wer hier einen Fehler machte hatte schon verloren. Bei diesem Maßstab entsprach ein Millimeter auf der Karte 25 Meter in der Natur. Die Kontrollpunkte waren immer nach dem gleichen Prinzip aufgebaut. Der Wettkampfausrichter  steckte eine kleine Stange die mit einem Wimpel und einem Stempel versehen war in die Erde. Den Kotrollpunkt trug er in die Karte ein. Diese Punkte wurden dann von dem Wettkämpfer angefahren. Hatte er den Punkt gefunden, drückte er den Stempel auf die Rückseite seiner Karte. Mit Beendigung des Wettkampfes gab er die Karte zur Auswertung dem Kampfgericht. Gewonnen hatte, wer alle Punkte in kürzester Zeit angefahren hatte. Die Grundlage für den Wettkampf war Punkte vor Zeit.  In welcher Reihenfolge er die Punkte anfuhr blieb dem Fahrer überlassen. Das hieß, vor dem losfahren musste er sich gedanklich die Rute zusammenstellen. Dabei gab es verschiedenes zu beachten, wie z.B.: Der kürzeste Weg muss nicht der Schnellste sein. In der DDR wurden beim GOF meistens Kopien von Messtischblättern aus den dreißiger Jahren verwendet. Seit dieser Zeit hatte sich so manche Straße verändert. 90% der Feldwege existierten nicht mehr. War es ein großer Wettkampf, wie z.B. die DDR – Meisterschaften, wurden die Namen der eingezeichneten Ortschaften geschwärzt. Man brauchte Erfahrungen um einen Wettkampf optimal zu gestalten.
Die Tschechen hatten bessere Messtischblätter, die waren auf dem neusten Stand. Als ich an meinen vierten Kontrollpunkt kam, hatte ich ein Erlebnis der anderen Art. In der Nähe des Kontrollpunktes hielt ich an und schaute auf meine Karte. Auf  dem zweiten Hügel der kleinen Hügelkette musste der Punkt sein. Neugierig schauten die tschechischen Soldaten auf meine Karte. Mit einem lauten Ahoi grüsste ich sie. Daraufhin rief einer der Soldaten etwas in den Wald. Auf einmal kam einer seiner Mitstreiter den Hügel hinunter gesaust. In der Hand hielt er die Stange mit dem Kontrollpunkt samt Stempel, ich strahlte. Plötzlich rief eine Stimme von oben, Thomas hast du den Kontrollpunkt gesehen, der muss doch eigentlich hier oben sein? Es war Thomas Mütze, er war zwei Minuten nach mir gestartet. Ich rief, komm da oben runter der ist hier und schüttelte mich vor lachen. Thomas kam runter gerannt und schimpfte das gibt es doch nicht. Ich sagte zu ihm, andere Länder, andere Sitten. Dabei schielte ich auf seine Stempel, er hatte einen weniger wie ich, er fuhr die Strecke anders. Nachdem ich alle Punkte angefahren hatte musste ich noch 3 km Feldweg fahren. Vor mir tauchte ein Trikot in den Farben der DDR – Nationalmannschaft auf. Es gehörte zu Peter, er war etliche Minuten vor mir  gestartet. Wie ein Magnet zog ich es mich an, ich schaffte es im Sprint noch vor ihm ins Ziel. Kurz vor der Siegerehrung wurde die Platzierung bekannt gegeben. Die ersten 10 Plätze in meiner Starterklasse belegten deutsche Fahrer, ich wurde fünfter, dass hieß ich hatte zwei aus der Nationalmannschaft hinter mir gelassen. Stolz trabte ich mit zur Siegerehrung. Während die drei Besten aufs Treppchen stiegen, gab die Wettkampfleitung bekannt, ich sei disqualifiziert wurden. Des weiterem überdenkt man, mich für das gesamte Wettkampfjahr zu sperren, wegen eines Verstoßes gegen das Amateurstatut.  Ich dachte ich hör nicht richtig, Amateurstatut was soll denn das sein? Sofort legte ich Protest bei der Wettkampfleitung ein, das kostete mich 10 Mark. 13.00 Uhr wurde ich vorgeladen. Ungehalten fragte ich Herrn Wiese den deutschen Chef des GOF, was das ganze Theater soll mit dem Amateurstatut?
Wiese meinte ich wäre beobachtet worden wie ich mich habe fotografieren lassen. Na und sagte ich, das ist doch nicht verboten. Einer der polnischen Sportfreunde hatte mich kurz vor Start gebeten, mich einmal fotografieren zu dürfen mit kompletter Wettkampfausrüstung, sprich Sturzkappe, Rennrad und im Clubtrikot. Mein Rennrad hatte ich mit einer roten Leuchtfarbe lackiert, ich glaube in der DDR gab es zu dem Zeitpunkt kein zweites Rad mit so einer Farbe. Das Trikot war in den Farben der Dresdner Verkehrsbetriebe gehalten Gelb mit schwarzem Brustring. Er postierte mich vor einem Poster auf dem sich ein schönes polnisches Mädchen rekelte, die meiner Tanzpartnerin von gestern verdammt ähnlich sah. Irgendetwas stand in Polnisch darunter. Wie viel Geld ich für das Bild bekommen hätte wollte Wiese wissen. Jetzt wurde ich richtig böse. Wie er denn auf diesen Unsinn käme, das sollte er mir jetzt erklären. Ich wäre gesehen worden, wie ich Geld bekommen hätte. Wütend sagte ich zu ihm, er soll mir die Person benennen die so etwas behauptet. Kurze Zeit war es ganz ruhig. Wiese schaute mich an, nahm 10 Mark und hielt sie mir hin. Hier hast du deine 10 Mark für deinen Einspruch wieder, die Disqualifikation ist zurückgezogen. Kopf schüttelnd  verließ ich den Raum.
Ich fragte Schatti wie er denn zurückfahren will. Er meinte bis Leitmeritz mit dem Rad, dann mit dem Zug bis Decin, da sparen wir uns die Berge und weiter bis zur Grenze  mit dem Rad. Das klang richtig gut. Als wir in Leitmeritz  in den Zug stiegen, stellten wir fest die Wagons waren nagelneu. An der Bauweise erkannten wir, es waren Bautzner  Wagons aus der DDR. Es roch noch richtig nach frischem Leder. Ich genoss während der Fahrt die schöne Landschaft. In Usti hatte man viel gebaut. Große Neubauviertel waren entstanden. Man baute modern, viele Plattenbauten. In Decin endete die Fahrt. Thomas, Gerd und ich traten kräftig in die Pedale. Weit kam ich allerdings nicht, auf einmal trat ich ins Leere. Ich wusste sofort was Phase war, das hatte ich schon einmal erlebt. In der Hinterradnabe befanden sich vier kleine Metallblättchen die auf einer Seite beweglich gelagert waren. Die andere Seite der Blättchen wurden durch Nadelfedern nach außen gedrückt und rasteten in das Gegenstück der Fahrradnabe ein. So wurde die Bewegung der Kette auf das Rad umgesetzt. Brachen die Federn weg, wurden die Blättchen nicht mehr nach außen gedrückt und die Kraftübertragung war unterbrochen, wie beim Leerlauf drehten die Pedale ins Freie. Es gab aber eine Möglichkeit diesen Effekt auch ohne diese Federn zu erreichen. Ab einer bestimmten Geschwindigkeit drückte die Fliehkraft die kleinen Metallblättchen nach außen nur musste man die Geschwindigkeit erst einmal erreichen und wenn sie eingerastet waren durfte man nicht mehr aufhören mit treten. Ich bat Gerd und Thomas mich anzuschieben. Gerd sagte zu mir sie hätten keine Zeit für so einen Unsinn, das würde nie funktionieren, er müsste nach Hause. Ich traute meinen Augen und Ohren nicht. Sie stiegen aufs Rad und verschwanden. Verärgert schob ich mein Rad ungefähr einen Kilometer weiter. Ich wusste da kommt ein  Berg, auf den musste ich erst einmal rauf und mit etwas Glück konnte ich bei der Abfahrt die benötigte Geschwindigkeit erreichen. Ich war gespannt wie ein Flitzebogen und hatte das Glück, die Geschwindigkeit war hoch genug. Nun kam es darauf an ein ganz gleichmäßiges Tempo zu finden. Immerhin waren es noch 10 km bis zur Grenze, wie bei einem Einzelzeitfahren musste man seinen eigenen Rhythmus finden. Drei Kilometer vor der Grenze hatte ich meine zwei Experten eingeholt, mit einem „ na ihr Arschgeigen “ fuhr ich an ihnen vorbei. An der tschechischen Grenze war erst einmal Schluss mit der Herrlichkeit. Hier musste ich anhalten und meinen Ausweis zeigen. Der deutsche Grenzübergang war ein reichlichen Kilometer entfernt. Von dort waren es noch 100m bis zur Elbe und auf der anderen Seite fuhr die S – Bahn. Ich wollte gerade los schieben, als ich von hinten angehupt wurde. Es war Eberhard, der für die Leipziger Verkehrsbetriebe fuhr. Er war mit seinem Wartburg Camping zum Wettkampf gekommen. Mensch, brüllte er was ist denn los, das du schiebst? Ich erzählte von meiner Panne. Komm, meinte er ich habe noch einen Platz frei im Auto und dein Rad bekommen wir auch noch unter.  Flugs baute ich meine 2 Räder aus und Eberhard verstaute alles im hinteren Teil des Autos. Als ich gerade einsteigen wollte, kamen Gerd und Thomas vorbeigefahren. Lachend winkte ich ihnen zu.
Am nächsten Tag nach Arbeit kam Gerd bei mir vorbei, er entschuldigte sich bei mir für sein unkameradschaftliches Verhalten und gab mir das geborgte Geld plus Schlüsselgeld wieder. Ist schon vergessen, sagte ich zu ihm.



Oben auf Türmen wo die Tauben sind
Spürst du von den Stürmen mehr als nur den Wind*
*Lied der Gruppe Phudys

Berlininitiative

In der DDR  hatte die SED ein Wohnungsbauprogramm beschlossen. Es mangelte ja an Wohnraum und so wollte man bis 1990 ausreichend Wohnraum schaffen, vorrangig in Berlin. Ganz klar, wo sonst. Mir stank das Gewaltig, alles drehte sich nur um Berlin. Die Jugendorganisation der DDR, die FDJ, verpflichtete sich die Aufgabe zu übernehmen. So versuchte man mit überdurchschnittlichen Löhnen Bauarbeiter und Handwerker nach Berlin zu locken, natürlich nur auf Montage. Eins wusste ich ganz genau, da machst du nie mit und selbst wenn sie DM zahlen würden. Aber so verbissen wie ich das sah, sah es nicht jeder. Da war zum Beispiel Kuttel, er hatte den ehrbaren Beruf eines Klempners erlernt und war somit zu einer sehr gefragten Person geworden. Zu klempnern gab es genug in der DDR. Es gab nicht nur den Wohnungsneubau, es gab ja auch noch genug Bauten aus der Vorkriegszeit und so sahen sie auch aus. Die DDR war stolz auf ihre niedrigen Mieten. Die Kehrseite war, wo nichts eingenommen wurde, konnte auch nichts ausgegeben werden. Die Subventionen die Vater Staat in die Wohnungserhaltung pumpte, waren nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. So kümmerten sich viele Mieter selber um den Handwerker. Die Handwerker brauchten gar nicht die Hände aufzuhalten, die Mieter gaben es freiwillig.
Kuttel war ein Geschickter und willig das große Mammon zu verdienen. Er arbeitete viel nach Feierabend und machte sein Geld. Aber er vergaß nie wo er herkam. Brauchten die alten Kumpels mal Hilfe war er immer zu diensten und verlangte dafür auch nichts. Während ich das dritte Lehrjahr begann, konnte Kuttel schon voll Arbeiten. Er ging nach Berlin auf Montage, um seinem Traum vom großen Geld näher zu kommen. Getreu seinem Motto, die erste Million ist die Schwierigste. Jens konnte sich dank seiner Arbeit auch so manches Extra leisten. Er vereiste viel mit Jugendtourist in das sozialistische Ausland. Wer viel reist hat auch viel zu erzählen und Kuttel hatte immer viel zu erzählen. Während seiner Reisen kam es ab und an vor, dass er mit Westgermanen in Kontakt kam. Frustriert meinte er dann, die werden immer viel besser behandelt wie wir. Wir sind gegen die der letzte Scheißdreck und das im sozialistischen Ausland. Wenn ich so etwas hörte verging mir gleich die Lust aufs Reisen. Kuttel war da viel unsensibler. Er genoss seinen Urlaub und das sollte er ja auch.
Honecker, Chef der SED und der DDR, hatte in einer seiner Reden die wirtschaftliche Situation in den staatlichen Betrieben beleuchtet und geäußert, aus ihnen wäre noch viel mehr herauszuholen. Einige DDR – Bürger nahmen diese Äußerung wörtlich und nahmen mit was nicht niet und nagelfest war. In einem Land, was eh dem unter  Mangelwirtschaft litt, waren solche Dinge schwer zu unterbinden. Mitunter bekamen sie es auch vorgemacht. Hatte eine Firma einen Auftrag zu erfüllen und dieser drohte zu scheitern weil Material fehlte, kam es schon vor, das dies beschafft wurde egal wie und wo her. Genauso wollte es Kuttel machen.
Er hatte in Dresden in einem Einfamilienhaus das Bad und die Küche eingebaut. Der Einzug des Besitzers verzögerte sich, da es wieder mal keine Gasherde gab. Kuttel wusste Rat. Auf der Baustelle in Berlin  standen welche rum, die irgendwann in den Neubauwohnungen angeschlossen werden sollten. Also machte er sich eines Samstag mit einem Kollegen auf einen Solchen in das Privatauto zu verladen. Nur kamen sie nicht weit. Einer der Anwohner hatte diese Aktion beobachtet und  die Polizei gerufen. Kuttel wurde an Ort und Stelle fest genommen und in U – Haft gebracht. Das Gericht war nicht zimperlich, wer sozialistische Errungenschaften schädigte wurde hart bestraft. Für das vergleichsweise geringe Vergehen verurteilten sie ihn zu einer Haftstrafe von über einem Jahr. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. Was mich wunderte, einen Tag nach seiner Verhaftung wusste das ganze Haus bescheid, was da passiert war. Am nächsten Tag klärte mich Herbert darüber auf. Bei uns auf der Straße wohnte der ABV ( Abschnittsbevollmächter ). Das war ein ein Polizeiposten und der da seinen Dienst versah war ein besonders rotes und vor allem dummes Exemplar der Menschheit. Ein richtiger Vollhorst. Der hatte von seiner übergeordneten Dienststelle den Auftrag erhalten eine Wohnungsdurchsuchung vorzunehmenn. Nun obliegt es dem Ausführenden wie er das macht. Er sorgte vor allem dafür das es jeder mitbekam. Das war um so peinlicher, weil er nur wenige Jahre älter war wie wir und als Kinder hatten wir uns logischer Weise alle gedutzt. Die meisten sahen es als einen Kavaliersdelikt an, Kuttel wollte sich ja nicht bereichern. Wer hatte denn selber noch nicht in der Firma was mitgehen lassen? Wenn es den Herd im Handel gegeben hätte, wäre er gekauft worden. Für Jens hatte die Geschichte aber noch ein Nachspiel. Er wollte  in seinem nächsten Urlaub in die Sowjetunion nach Jalta fliegen. Wie immer beantragte er das dazugehörige Visum. Dieses wurde abgelehnt ohne Begründung. Er musste seinen Urlaub umplanen. Aber das ließ sich ja alles noch verschmerzen, was viel schlimmer war, mit der Bewährungsstrafe kam er nicht zur Armee. Diese musste erst verbüßt sein, ehe er seinen Grundwehrdienst antreten konnte.

Ich bin Klempner von Beruf
ein dreifach Hoch
wer das Handwerk schuf.*
*Lied von Reinhard May

Die Armee

Die Armeezeit prägte immer mehr unser Leben. Eigentlich fing es schon während der Schulzeit an. Wer wollte konnte ab der sechsten Klasse in die GST eintreten. Luftgewehrschießen war schon was Geiles für uns Knirpse. Vater verbot mir in die GST zu gehen. Er meinte, schießen lernst du noch zeitig genug. Ich war natürlich sauer darüber. Becki hatte es da aus meiner Sicht besser, seine Mutter gestattete ihm den Eintritt. Sie war froh dass Andreas von der Straße kam. 
In der siebenten Klasse hatten wir im Fach Staatsbürgerkunde Frau Gringmuth als Lehrerin. Sie lag mit ihren Ansichten und Äußerungen dermaßen weit links, dass sie schon wieder rechts um die Ecke schaute.  Zwei drittel der Klasse erstarrte vor Angst, etwas Falsches zu sagen. Sie wusste immer jede Menge Räuberpistolen über das schöne Leben bei der NVA zu erzählen. Ihre ehemaligen Schüler, die Meisten, wären in ihren politischen Ansichten so gefestigt und gereift, das sie mit Freude länger dienen würden oder bei Spezialeinheiten ihren Dienst versehen durften. Das erste Mal baute sich bei mir ein innerlicher Widerstand auf, zu den länger Dienenden wollte ich nie gehören. Dieser Faden zog sich bis in die Lehre. Die ersten Freunde und Kumpels wurden gezogen, während ihres Urlaubs erzählten sie das Neuste von der Armee. Der Erwartungsdruck wurde bei mir größer, ich wollte dazu gehören, hatte aber gleichzeitig auch Angst vor dem was da kam. Die Erzählungen der Kumpels klangen wie aus einer anderen Welt herüber. EK – Bewegung, versoffene Vorgesetzte, kein Alkohol für Soldaten in der Kaserne, Schwedt, mieses Essen das hörte sich wirklich nicht gut an. Anderseits sah ich die russische Armee, da wusste man, es kann noch schlimmer kommen.
Im April sagte Roland zu mir, es wird Zeit dass wir mal Hüni besuchen. Ich freute mich schon darauf und kaufte eine kleine Flasche Schnaps, blauäugig wie ich war. In Döbeln gab es mehrere Kasernen. Natürlich landeten wir erst bei der Falschen. Aber die Soldaten am KDL (Einlass) waren in Ordnung. Hüni hatte grüne Schulterstücke. Sie wussten in  welcher Kaserne die Soldaten mit den grünen Schulterstücken dienten und beschrieben uns den Weg. An Hünis Kaserne angelangt gingen wir wieder zum KDL. Diesmal hatten wir kein Glück, irgend so ein Unteroffizier empfing uns recht unfreundlich. Zu wenn wir wollten - zu Herrn Hünersen sagte ich. Hier gibt es nur Dienstränge, blaffte er mich an. Böse sagte Roland woher sollen wir das wissen? Auf alle Fälle haben sie ihn vor einem halben Jahr zur Armee gezogen und das nicht als General. Der Unteroffizier schaute uns genervt an aber er klemmte sich hinters Telefon und telefonierte rum. Nach einer Weile sagte er mit einem hämischen Lachem im Gesicht, Soldat Hünersen hat eine Strafarbeit zu verrichten, wir sollen in zwei Stunden wieder kommen. Nach einer reichlichen Stunde tauchten wir wieder auf. Die Wache hatte gewechselt der Idiot war fort. Die Neuen waren ganz manierlich, einer von ihnen schaffte Hüni in kürzester Zeit herbei. Hüni hatte im Vorfeld zwar gewusst das wir kommen aber sein Ausgang war gestrichen worden. Fast nur Bekloppte hier, meinte er. Also gingen wir ins Besucherzimmer. Hüni sah alles locker. Er sagte nur, sie hätten ihn öfters mal am Hintern wegen irgendwelchen Mist. Ich reichte ihm die kleine Flasche Schnaps unter dem Tisch. Hüni meinte der Unteroffizier hätte sie uns weggenommen, denn er wäre berechtigt gewesen uns zu kontrollieren. Manchmal muss man eben Glück haben. Darauf nahm Hüni einen ordentlichen Schluck aus der Flasche. Nach zwei Stunden mussten wir gehen. Hüni brachte uns zum KDL. Gemeinsam mit der Wache vernichtete er die Flasche und wir fuhren gemütlich nach Hause.
Ungefähr einen Monat später kam Hüni übers Wochenende auf Kurzurlaub. Im Vorfeld hatten wir uns ausgemacht ins Erzgebirge zum Tanz zu fahren. Am späten Nachmittag holten wir Hüni von zu Hause ab. Er sah nicht besonders gut aus. Geplagt von Zahnschmerzen hatte er eine halbe Flasche Schnaps getrunken gemischt mit Faustan. Wir fuhren nach Bärenstein, aber die Disco viel aus. Weiter ging es nach Geising, auch hier war nichts los aber wenigstens erfuhren wir, in Lauenstein ist Tanz. Also fuhren wir zurück nach Lauenstein. Im goldenen Löwen war Oldidisco. Roland und ich staunten nicht schlecht, Hüni schwang wie ein wilder sein Tanzbein und das in seinem Zustand. Zwischenrein trank er ja auch immer noch Bier.
Drei Wochen später bimmelte das Telefon, Hüni rief aus der Kaserne an. Du Mülli, ich habe hier einen Zettel in meinem Portmonaise gefunden mit der Adresse von so einem Trutenfuss. Die kann ich nur in Lauenstein kennen gelernt haben. Weist du noch wie die aussah?
Ich musste lachen. Das er sich nicht mehr erinnern konnte wunderte mich nicht und sagte zu ihm, wenn es die war mit der du den ganzen Abend zusammen warst, ist es eine ganz Hübsche.
Das schöne Kind hieß Sylvia.

Spaniens Himmel breitet seine Sterne
Über unsere Schützgräben aus
Und der Morgen grüßt schon aus der Ferne
Bald geht es zum neuen Kampf hinaus*
*Lied Ernst Busch


Andreas Linke

 Es gab Menschen in meinem Leben mit denen teilte ich einen Lebensabschnitt und die sich dann pö ab pö aus dem eigenen Leben verabschiedeten, obwohl sie einem lange Zeit wichtig waren. So ein Mensch war Andreas Linke. Seine Spuren verloren sich wie Sand im Wind. Andreas und ich gingen gemeinsam in die Schule. Er war Schüler der Parallelklasse. Ein Jahr nach mir entdeckte er seine Liebe zum Radsport. Gemeinsam legten wir etliche tausend  Kilometer auf dem Rad zurück. Es war die Basis für eine lange währende Freundschaft. Gemeinsam träumten wir von den Mädels und der ersten großen Liebe.  Andreas zählte zu Genies in der Schule, er hatte fast nur Einsen auf dem Zeugnis. Aber ein Musterschüler war er nicht, dazu war er viel zu unbequem, starrköpfig und ein Querdenker. Radsport war für ihn ein Ausgleich zu seinem ungestümen Wesen auf der Einen und dem Feingeist auf der anderen Seite. Andreas war hoch musikalisch veranlagt. Schon vor Beendigung der 10. Klasse hatte er die höchste Amateurstufe im Klavierspielen erreicht. Nach Schulschluss saß er fast täglich mehrere Stunden mit einer bewundernswerten Ausdauer am Klavier. Diese Ausdauer entsprach seinem Charakter, Andreas hatte eine Kämpfernatur. Manchmal hatte ich Angst vor diesem Kämpfergeist, er hatte was selbstzerstöreriches an sich. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte zog er es durch, da konnte kommen was wollte, auch wenn er wusste dass es anders besser wäre. Aber gerade das machte ihn stark und zeichnete ihn aus. Nach Beendigung der 8. Klasse verließ er unsere Schule und ging auf die Penne mit dem wohlklingenden Namen Romain  Rolland.
In meiner Freizeit schlug ich viel bei Andreas auf. Er wohnte unweit der Lukaskirche. Er war einer von den Schülern, die wir als die „ Anderen“ bezeichneten. Als die „ Anderen“ bezeichneten wir Schüler unserer Schule die auf der anderen Seite der Juri - Gagarin - Straße wohnten. Auf Grund des langen Schulweges kamen sie oft, wenn es das Wetter zuließ, mit dem Fahrrad in die Schule. Wenn ich bei Andreas war spielte er mir viel auf dem Klavier vor. Ich staunte über mich selbst, dass ich mir das anhörte. Denn ich war absolut kein Freund der klassischen Musik. Aber Andreas spielte nicht nur Klassik, er war ein Freund des Hartrockes und spielte viel Deep Purple auf dem Klavier. Sein polnisches Hifi Tonbandgerät war voll mit Musik von dieser Band. Als alter Glam – Rockfan fand ich die Musik anfänglich gewöhnungsbedürftig.
Selbst auf der Penne gehörte Andreas, was das Fachliche betraf, zur Elite seiner Schule, er brachte es auf einen Zensurendurchschnitt von 1,1 und wie ich feststellte lernte er dafür nicht viel mehr wie ich. Politisch geriet er mehrmals mit der Schulleitung in Konflikt. Die Krönung erlebte er diesbezüglich in der 12. Klasse. Erfolg macht neidisch, das bekam Andreas zu spüren. Mehrere Jungs aus seiner Klasse hatten es fachlich nicht drauf das Abitur abzuschließen. Solchen Schülern bot der sozialistische Staat die einmalige Chance das Abitur auf eine andere Art zu erwerben. Sie konnten sich für 25 Jahre als Offizier zur NVA verpflichten. In einer Schulpause äußerte Andreas vor diesen Schülern seine Meinung zum Thema Republikflucht. Er sagte einfach, es gibt ja leider keine Möglichkeit die DDR offiziell zu verlassen, dadurch werden solche Dinge provoziert. Einer von denen hatte nichts Besseres zu tun als Andreas bei der Schulleitung anzuzeigen. Dabei hatte Andreas noch Glück, der Direktor stellte die Äußerungen als einmalige Entgleisung hin. Andreas musste sich öffentlich vor dem Fahnenappell entschuldigen und sich von seiner Äußerung distanzieren. Für ihn war es eine gewaltige Demütigung. Ich fand solche Dinge einfach nur beschämend.
Was den Radsport anging fuhren wir in etwa auf einem Level. Unser Radsportverein war die BSG Verkehrsbetriebe Dresden. Bei Wettkämpfen  fuhr in der gemeinsamen Altersklasse aus unserer BSG noch Dietmar Vielhauer mit. Er wohnte gleich bei Andreas um die Ecke und war ein Jahr älter wie wir. In der DDR Rangliste teilten wir uns die Plätze 7 bis 12 mit den Fahrern von Lok Dresden. Die besten Fahrer kamen aus Zwickau. Nur selten gelang es uns in die Falange dieser Fahrer einzudringen. Für uns war es Freizeitsport für die Zwickauer Leitungssport.
Nach Abschluss seines Abiturs hatte Andreas großes Glück. Er kam gleich zur Armee. Ich musste noch ein halbes Jahr lernen und anschließend ein halbes Jahr arbeiten, ehe ich einberufen wurde. Während seiner Armeezeit kam Andreas mich fast immer besuchen, wenn er auf Urlaub war. Er diente in Berlin bei irgendeiner Grenzeinheit. Nach der Grundausbildung hatte er das Glück des Tüchtigen, er wurde in ein Offizierscasino abkommandiert. Hier führte er ein relativ geruhsames Leben und verdiente sich nebenbei noch eine ganze Menge Kohle, durch Trinkgeld und Schnapspanschen.
Unsere Wege verloren sich als ich zur Armee kam.

Wir sind Soldaten der Arbeitermacht
Und wir stehen an den Grenzen des Landes
Wir von den Feldern und wir aus dem Schacht
Stehen als Grenzer auf der Wacht*
*Lied der Grenzsoldaten

Der Werkzeugbau

Ende Februar wechselten wir die Abteilung. Es war das letzte Mal, dass wir in den Werkzeugbau mussten. Rakowski war nun unser neuer Lehrmeister. Ihm merkte man an, dass seine Armeezeit noch nicht soweit zurücklag. Er hatte den Kasernenton noch voll drauf. Kreativität war nicht mehr gefragt, nur stummes Gehorchen. Ich kam mit Rakowskis Art überhaupt nicht klar. Aber ganz so anfällig wie im ersten Lehrjahr war ich nicht mehr. Während ich bei Leinert ganz klar auf Drei lag, kämpfte ich im zweiten Lehrjahr um eine Zwei.
Am 03.03. 78 war mal wieder eine Sonderschicht angesagt. In der Gussputzerei hatte es größere Produktionsausfälle gegeben. Wir sollten mit Aushelfen. Eigentlich machte ich das Gerne ein Mal. Hier kamen unsere Gesenke die wir zusammengebaut hatten zum Einsatz. Da konnte man live sehen, wie das alles funktionierte. Außerdem war Kost und Logie frei und 10 Mark extra waren auch noch drin.
Wer den Teilberuf eines Gussputzers erlernte hatte dem fehlte der Abschluss der achten Klasse. Außerdem arbeiteten in der Gusputzerei noch jede Menge ungelernte Arbeitskräfte, z.B. Menschen die die Hilfsschule besucht hatten. Eigentlich fand ich es gut, dass Vater Staat auch für solche Menschen Arbeit hatte. Mir viel auf, das hier die Hackordnung viel größer war wie in der Hauptproduktion. An unterster Stelle standen Menschen wie Rosi. Sie hatte nur den Abschluss der Hilfsschule, konnte weder richtig schreiben noch lesen. Die gelernten Gussputzer ärgerten sie ständig. Der Zufall wollte es, dass ich mit ihr zusammen arbeiten musste. Rosi war schon ein Unikum. Sie trug Kniestrümpfe bis kurz unter die Knie. Dazu eine blaue Kittelschürze mit rotem Saum die knapp über die Kniee hing. Beim laufen schauten ihre dicken, nackten Kniee unter der Schürze raus. Die Frisur trugen alte Frauen in den 40ziger Jahren moderner. Sie verriet mir dass sie 31 war. Mein Gott Walter dachte ich, die sieht ja wie Ende 50zig aus. Sie erzählte mir dass sie am dreiten dritten zum Zahnarzt muss. Ich fragte sie, wann musst du zum Zahnarzt? Na dreiter dritter sagte sie wieder. Ich schaute sie fragend an. Sie kramte aus ihrer Schürzentasche einen Zettel und zeigte ihn mir. Ach 03.03. meinst du. Rosi strahlte, das hat mein Mann mir aufgeschrieben. Einen Mann hast du fragte ich erstaunt?  Ja seit zwei Jahren bin ich verheiratet. Na da meinte ich, was macht er denn beruflich? Er ist bei der Reichsbahn, sagte sie wieder. Ich dachte an Vater und lachte in mich hinein. Die Arbeit selber war richtig stumpfsinnig. Mit einem Gummihammer schlugen wir die Gussteile  vom Angussstück ab bevor sie in die große Trommel zum entgraten kamen. Ich musste mich gewaltig sputen um Rosis Tempo mitgehen zu können. Kurz vor der Mittagspause kam Peter um die Ecke gepfiffen, er lernte Gussputzer, nahm Rosis Colaflasche und stellte sie auf einen Schrank. Neben den Schrank stellte er einen Stuhl. Zu mir gewand sagte er, pass mal auf was das wird. Rosi brüllte immer wieder, gib mir meine Cola. Peter lachte, hol sie dir doch selber. Rosi versuchte an die Flasche auf dem Schrank zu kommen. Sie war einfach zu klein. Sie tobte wie Rumpelstilzchen um den Schrank. Stolz meinte Peter, die ist zu doof den Stuhl zu nehmen, lieber holt sie sich eine neue Flasche. Tatsache, Rosi wollte gerade loslaufen. Ich drehte mich zu Peter, ihr seid doch genauso bescheuert wie Rosi, los gebe ihr jetzt die Flasche wieder oder es kracht. Die Sprache verstand Peter gut, hastig nahm er die Flasche vom Schrank und drückte sie Rosi in die Hand. An diesem Tag verpasste ich meinen Zug nach Dresden. Der Weg von Dohna nach Heidenau war einfach zu lang. Ärgerlich entschloss ich mich, nach Dresden Luga zu laufen. Von dort fuhr ein Bus zum Hauptbahnhof. Das ließ sich laufen und wie das so ist wenn einmal  was schief ging, der Bus fuhr vor meiner Nase weg. Bedient wollte ich zum Fleischer und mir was zum Beißen zu holen. Der Laden hatte wegen Krankheit geschlossen. Es war nicht zu fassen, so ein Mist aber auch. Ich stellte mich an die Bushaltestelle unter die große Kastanie. Wütend starrte ich auf den kleinen Friseurladen gegenüber, der Meister selbst buckelte gerade einen Kunden hinaus und ich dachte so bei mir hier möchtest du mal nicht begraben sein. 14 Tage vor dem Wechsel in den Werkzeugbau waren Ferien in der Berufsschule. Einen Tag  vor  Ferienbeginn  war Elternabend. Erstaunlicher Weise war mein älterer Herr dort aufgeschlagen. Wie immer beschlich mich ein ungutes Gefühl, wenn so etwas angesetzt war. Das reichte noch aus meiner Schulzeit rüber. Es war schon eigenartig, vor dem Gesetz war man volljährig aber die Kindheit ließ sich von Heute auf Morgen nicht abstreifen. Am nächsten Tag sagte Vater bloß, von dir hat man an der Schule eine recht hohe Meinung. Ob das ein Lob war oder nur eine Feststellung, ließ sich aus seinen Worten nicht  entnehmen.
Wie schon im ersten Lehrjahr wurde es wieder eng in der Lehrwerkstatt. Das hatte aber auch seinen Vorteil, man lernte das erste Lehrjahr besser kennen. Da war zum Beispiel Oliver Berndt.  Er war höchstens 1,60 groß oder klein, wie man es sehen wollte. Er verschlief fast täglich, er wurde von uns jedes Mal mit einem großen Hallo begrüßt. Dafür hatte er es bei Leinert total verspielt. Der kochte förmlich vor Wut. So hatte ich ihn während meines ganzen ersten Lehrjahres nicht erlebt. Olli war kein schlechter Kerl. Er hatte zu Hause mehrere Schallplatten aus dem Westen von T. Rex. Er borgte sie mir, damit ich sie auf Tonband aufnehmen konnte. In die Ferienzeit viel wieder mal das Werben der SED nach neuen Mitgliedern. Seit dem Tod meiner Mutter ließ man mich mit so etwas in Ruhe. Aber Frank Knobloch vom ersten Lehrjahr nahm man so richtig in die Mangel. In der Mittagspause fragte ich ihn, na und was ist? Frank druckste rum, dann rückte er raus, er hatte denn Antrag auf Mitgliedschaft unterschrieben. Ich sagte zu ihm, rote Socken haben an meinem Tisch nichts zu suchen, scher dich fort. Hagen und Olli vielen gleich mit ein. Wir machten ihn richtig fertig. Der treibende Keil war ich.  Am nächsten Morgen kam Frank blass wie eine Kalkwand auf Arbeit und ging zu Eckhold. Danach sprach er nicht mehr mit uns. Erst zur Frühstückspause wurde er gesprächiger. Er hatte seinen Antrag auf Mitgliedschaft in der SED zurückgezogen. Mich beschlich ein dummes Gefühl, so einen Spießrutenlauf machte keiner freiwillig. Deshalb fragte ich ihn warum? Ich hatte ordentlich Muffensausen, denn schließlich hatte ich ihn ja auf das Übelste belegt. Frank sagte, mein Vater hat zu mir gesagt, wenn du die Mitgliedschaft nicht zurückziehst schmeiße ich dich zu Hause raus und hat mir eine runter gehauen. So bitter es für Frank war, mir viel ein Stein vom Herzen.
Mit Rakowski  bekam ich richtig Zoff. Immer wenn wir ein Arbeitsprojekt hatten arbeiteten wir zu zweit daran. Kurz vor Feierabend wurde unsere Arbeit bewertet. Ich arbeitete mit Hagen. Für jeden wurde eine Zensur vergeben. Meistens gab es zweien und dreien. Rakowski kontrollierte die gemachte Arbeit und vergab für die einzelnen Arbeitsgänge Noten. Ohne zu wissen wer von uns die Arbeit gemacht hatte, bekam ich in der Regel die schlechtere Zensur. Rakowski hatte eine Antipathie gegen mich. Mir war auch  klar warum. Wir verunstalteten seinen Vornamen Adalbert und irgendwann hatte er es gehört und zwar von mir. Ich fragte Bernd damals ob er wüsste wo Schwulibert wäre, ohne zu merken dass er bereits hinter mir stand. Aus meiner Sicht war das aber keine Grund mir automatisch die schlechteren Zensuren zu geben. Ich sagte zu Hagen das schau ich mir nicht mehr lange an, dann mache ich Rabatz. Hagen sagte das geht in Ordnung. Ich stellte Rakowski zur Rede, er versuchte sich raus zu winden. Wenn das nicht besser wird beschwere ich mich bei Eckhold, sagte ich zu ihm. Seit dem Zeitpunkt bekam ich zwar bessere Zensuren aber bei Rakowski hatte ich es restlos verschissen. Immer wenn irgendetwas los war, versuchte er mich ran zu kriegen und ich wehrte mich so gut ich konnte. Es war einfach nur nervenaufreibend.
Conny hatte im März ihren 21. Geburtstag. Sie lud mich nach Pirna Copitz in ein Eckrestaurant ein. Es war eine dümmliche Idee dort schon Mittags zum Essen aufzuschlagen. Denn vor 22.00 Uhr verließen wir das Restaurant nicht. Abends hatte ich gewaltig runde Füsse und Conny den Schaden. Sie musste mich über die Elbbrücke zum Bahnhof schleifen. Bei ihr zu Hause hatten wir Glück, der alte Drachen von Schwiegermutter lag schon im Bett. Von mir hatte Conny an dem Abend nichts mehr.

Der einzelne hat zwei Augen
Die Partei hat tausend Augen
Die Partei sieht sieben Staaten
Der einzelne sieht eine Stadt*
* Gedicht Berthold Brecht