Dienstag, 15. Februar 2011

Urlaub

Bevor wir Urlaub machten, wurden wir auf Arbeit in die Produktion versetzt. Ich wollte in die Dreherei und kam auch dort hin. Den Werkzeugbau hatte ich mit 3 abgeschlossen Als Vorzensur hatte mir Rakowski eine 3 gegeben obwohl ich auf 2,5 stand. Auf die Prüfungsarbeit hatte ich eine  2 bekommen. Aber Rakowski verpasste mir als Gesamtzensur eine 3, Arsch blieb eben Arsch.
In der Dreherei herrschte ein rauer Umgangston. Obwohl keiner wusste, was man so drauf hatte, wurde man gleich als doof abgestempelt. Jedes zweite Wort war, als wir Lehrling waren, brachten wir das alles schon. Am schlimmsten war Herr Hegenbarth, er war frisch geschieden und ließ seinen Frust am Schwächsten aus und das war nun mal ich der neue Lehrling. Dann waren da noch, Gerhard Rocke und Herr Walter. Beide waren die Chefs, selbst der Meister hörte auf sie. Herrn Rocke siezte ich und zu Herrn Walter sagte ich du. Das war schon merkwürdig, jeder rief ihn Walter. Jedenfalls sagte ich zu ihm, ich kann doch nicht Walter sagen, ich bin doch noch Lehrling. Er sagte ich heiße mit Vor und Zunamen Walter, da kannst du es ruhig sagen. Ich wollte es gar nicht glauben, das jemand auf den gleichen Vor und Zunamen hörte. Dann waren da noch die Jungfacharbeiter Doris Hausmann und Peter Schulze sowie Helga Pause die für eine andere Abteilung arbeitete. Eine Woche nachdem ich in die Dreherei gekommen war hatte ich dann endlich Urlaub.
Den ersten Samstag im August starteten wir um die Mittagszeit Richtung Berlin. Kurz hinter der Raststätte Freienhufen sagte auf einmal Roland, das Wasser im Motor kocht. Wohl oder übel fuhren wir auf den nächsten Rastplatz. Hier mussten wir zwei Stunden warten, ehe sich der Motor soweit abgekühlt hatte, dass wir weiterfahren konnten ohne zu befürchten an dem nächsten Rastplatz wieder halten zu müssen. Unterwegs meinte Roland, dann müssen wir von Berlin eben morgen Abend weiterfahren, da ist die Hitze nicht mehr so groß. Bis Berlin fuhr Roland nie schneller, wie 80 km/h, die Motortemperatur blieb hart an der Grenze im Bereich des Normalen. In Berlin angekommen, parkte Roland seinen Skoda auf dem Parkplatz direkt vor dem Staatsratgebäude. Hier schlafen wir dann im Auto, meinte er. Ich sagte zu ihm, da ist der Ärger schon vorprogrammiert. Quatsch nicht immer so ein Zeug sagte Roland. Ich hatte keine Lust und auch keinen Grund zum Streiten, so machten wir uns auf in den Bierkeller im Palast der Republik. Gegen 24.00 Uhr verließen wir die Gaststätte, liefen zum Auto und bauten es um. Roland und Becki wollten hinten schlafen, sollten sie nur, ich legte mich auf Fahrer und Beifahrersitz. Den Kasten Bier den wir mitgenommen hatten verstauten vorm Gaspedal. Rolands Mutter hatte für das Auto noch schön geblümte Gardinen genäht, die zogen wir jetzt zu und legten uns zum Schlafen. Am frühen Morgen klopfte es gegen die Fensterscheiben, ich dachte was sind das für Idioten die einen den Schlaf nicht gönnen. Ich reckte und streckte mich, ehe ich die Augen aufschlug. Als ich sie dann aufschlug, sah ich zwei Vopos um das Auto rum springen. Ich kurbelte das Fenster runter und fragte, was ist? Sie grüßten und stellten sich vor.  Was wir hier treiben,wollten sie wissen? Na schlafen, das sehen sie doch. Schließlich haben sie uns geweckt. So geht das nicht, meinte der Eine von beiden. Das wäre schließlich der Parkplatz vor dem Regierungssitz der Deutschen Demokratischen Republik. Verlassen sie umgehend den Parklatz. Von hinten brüllte Roland, gerade deswegen fühlen wir uns hier besonders sicher nach einer langen und anstrengenden Fahrt.
Bürger, diskutieren sie mit uns nicht rum, sondern folgen sie unseren Anweisungen.
Roland konnte es nicht lassen, wie ein Besessener diskutierte er rum. Die Polizisten wurden deutlicher, entweder sie verschwinden hier oder wir nehmen sie mit aufs Revier. Wütend stieg Roland barfuss hinters Lenkrad. Mit den Kasten Bier zwischen den Füssen und nur bekleidet mit einer grünen Turnhose fuhr er vom Parkplatz. Auf einmal tauchte links neben uns die Mauer auf. Roland bog rechts in  eine kleine Nebenstraße ein. Früh um 5.30 Uhr war sie menschenleer. Roland hielt an und meinte hier bleiben wir. Während meine beiden Mitstreiter sich wieder auf`s Ohr legten, entschloss ich mich auf Nahrungssuche zu begeben.

Thomas 18, Berlin
Als erstes öffnete ich ein Glas Spreewaldgurken, die brauchten wir in Polen sowieso nicht. Nach Polen Gurken mit zunehmen war wie Tulpen nach Amsterdam zu tragen. Wenn es in Polen nichts gab, Gurken gab es wie Sand am Meer. Aber die Gurken machten nicht richtig satt, also zog ich los etwas Essbares aufzutreiben. Ich lief Richtung Alex und musste unter den Linden lang. Sonntag früh um 6.00 Uhr war ich alleine unterwegs. Wie ich so über den Boulevard lang schlenderte sah ich auf der anderen Straßenseite ein Bullentaxi. Da werde ich wohl bald Besuch bekommen, dachte ich so bei mir. Die lassen mich bestimmt nicht in Ruhe. Tatsache der Wartburg wendete an der nächsten Kreuzung und kam auf mich zugefahren. Kurz vor mir hielt das Fahrzeug. Einer der Polizisten stieg aus, stellte sich kurz vor, Wachtmeister Bösl, ihre Papier bitte. Ich gab ihm meinen Personalausweis, gewissenhaft blätterte er in diesem und fragte was machen sie hier? Kurz erzählte ich ihm die Geschichte, dass seine Kollegen uns vom Parkplatz gescheucht hatten und wo wir jetzt parkten. Einer der im Auto verbliebenen Polizisten griff zum Telefonhörer und telefonierte rum. Sie hielten mich solange fest, bis sie die Geschichte überprüft hatten. Dann gaben sie mir ihren Ausweis wieder und ließen mich laufen. Ich ging zur S-Bahn Station und fuhr zum Berliner Ostbahnhof. Doch die Mitropa Gaststätte hatte so Früh noch geschlossen, sie öffnete erst 10.00 Uhr. Hungrig machte ich mich auf den Rückweg. In einer Nische hockte ein Obdachloser und schlief. Das es so etwas in der DDR gab, ich hatte bis dato noch keinen Obdachlosen gesehen. Die Trapo scheuchte ihn hoch jagte ihn aus dem Bahnhof. Als ich wieder am Auto angelangt war standen Roland und Becki gerade auf. Becki sagte die Bullen waren schon wieder hier, aber haben uns in Ruhe gelassen. Ich sagte, ich weis und erzählte meine Erlebnisse. Roland meinte er wüsste in der Nähe des Friedrichstadtpalastes ein kleines Hotel, dort könnten wir prima Essen. Für 5 Mark bekamen wir ein fürstliches Buffet. Roland kriegte sich gar nicht mehr ein, es gab sogar Matjesheringe. Mir waren die Dinger zu salzig. Roland vernichtete eine Unmenge davon. Überhaupt was Essen anging war Roland der König. Wenn wir ihn ärgern wollten, riefen wir ihn Dicker. Becki fragte was machen wir bis heute Abend? Ich schlug vor, gar nicht bis Abends in Berlin rum zu lungern sondern mit dem Auto auf der Landstraße Richtung Frankfurt  / Oder zu fahren, dort wollten wir sowieso über die Grenze nach Polen. Unterwegs könnten wir ja einen Badestop am Stienitz See machen. Der Vorschlag kam gut an. Also packten wir uns in`s Auto und los ging es. Für  das Orientieren während des Fahrens war ich verantwortlich, im Karten lesen war ich unschlagbar. Da verließen sie sich meistens auf mich und so waren wir schneller als gedacht in Rüdersdorf. In Rüdersdorf bekamen wir das große Staunen, die Straßenbäume waren mitten im Sommer schloh weis. Das musste vom Zementwerk kommen, es war das Größte in der DDR. Wir suchten eine Badestelle am Stienitzer  See und gingen ins Wasser. Ich griff in das Wasser um eine handvoll Sand auf die Hand zu bekommen. Von Wegen Sand, ich hatte den blanken Kalk in der Hand. Roland verging die Lust aufs große Baden. Wir fuhren weiter die F1 bis Müncheberg, hier gabelte sich die Straße, Roland bog auf die F 5 nach Frankfurt.  In Frankfurt wollten wir  noch ein bisschen bummeln gehen. Roland rannte noch einmal zurück ans Auto er hatte seine Geldbörse auf dem Rücksitz liegen lassen. Er schlug die hintere Türe mit Schwung zu und die Scheibe riss von unten nach oben. Entsetz schaute er auf die Scheibe und sagte, Mülli wenn dir das passiert wäre, ich wäre verrückt geworden, das hätte ich dir nie abgenommen das so etwas passieren kann. Eigenartiger Weise änderte sich Rolands Einstellung mir gegenüber. Bei ihm lösten sich alle Anspannungen der letzten Wochen, er wurde ruhiger und ausgeglichener.  Er meinte nur, mit der kaputten Scheibe möchte er nicht nach Polen fahren, die deutsche Ostseeküste wäre ihm lieber. Wir diskutierten nicht rum, Roland gehörte das Auto, er hatte das Sagen. Ich kramte die Karte raus, er wollte nach Kap Arkona, also los ging es die Landstraße Richtung Stralsund. In der Nähe von Friedland gingen wir auf irgend so einer Klitsche Abendbrot essen. In der Kneipe waren wir für die Bäuerlein, wie Weltreisende von der anderen Seite. Stolz erzählten sie, dass sie jemanden kannten, der Verwandtschaft in Dresden hatte. Die Nacht schliefen wir nochmals im Auto. Am nächsten Tag schlugen wir auf dem Zeltplatz Dranske auf. Der war zwar voll aber für zwei Nächte musste der Platzwart uns aufnehmen, dazu war er gesetzlich verpflichtet. Während des Zelt aufbauens grub ich schnell noch 3 Flaschen Bier in den Ostseesand um die Flaschen herunter zu kühlen. Als ich wiederkam hatte die Ostsee die Flaschen frei gespült und eine trieb gerade Richtung  offenes Meer. Gleich mit Sachen machte ich hinterher, es wäre doch Schade ums Bier gewesen. Andere Camper hatten uns schon vorgewarnt, wenn es dunkel wird, hätten wir den Strand zu verlassen. Ansonsten jagt einen der Grenzer weg. Ich dachte die Leute spinnen aber gegen 22.00 Uhr tauchte wirklich ein Grenzer auf. Höflich sagte er zu uns: Jungs macht mir bitte keinen Ärger und geht zu euerem Zelt. Er machte ja auch nur seinen Dienst. Wir trabten Richtung Zelt. Dankbar rief er uns hinterher in zwei Stunden käme er wieder und verschwand hinter der nächsten Düne. Mit anderen Worten, wenn ich weg bin interessiert mich es nicht, was am Strand passiert. Wir gingen noch eine Runde nackt baden. Am nächsten Tag liefen wir an die Kreidefelsen von Rügen. Hier befand sich auch der nördlichste Punkt der DDR, Kap Arkona. Der nördlichste Punkt wurde von einem Leuchtturm markiert. Es war eine bizarre aber schöne Landschaft.  Die weisen Felsen und die  raue See, das war schon ein grandioser Anblick.  Ich musste an die vielen gemalten Bilder von dieser Landschaft denken, die ich auf Ausstellungen und in Zeitschriften gesehen hatte. Keines konnte dem Original das Wasser reichen. Es gab schon schöne Flecken in der DDR. Am nächsten Morgen mussten wir unsere sieben Sachen packen und einen neuen Zeltplatz suchen. Wir beschlossen unser Glück am Bodden zu versuchen. Nicht direkt an der See hatten wir vielleicht mehr Möglichkeiten einen Zeltplatz zu bekommen. Über Wiek fuhren wir zu Wittower Fähre. Hier setzten wir mit der Fähre über die Boddenmündung. Stück für Stück grasten wir die Zeltplätze am Bodden ab, sie waren genauso voll wie die direkt an der See. Schließlich fanden wir in der Nähe von Ralswiek einen der uns wenigstens 3 Tage aufnehmen konnte. Während wir unser Zelt aufbauten, krochen aus dem Nachbarzelt zwei langhaarige Typen und stellten sich uns vor. Der eine hieß Peter und der andere Jan. Abends beim Lagerfeuer erzählten sie uns, dass sie vor kurzem erst aus dem Knast gekommen wären, wegen Wehrdienstverweigerung. Ihre persönlichen Dokumente hätte die Polizei einbehalten, die würden sie erst wiederbekommen, wenn sie ausreisen könnten. Ich fragte sie, wie lange sie in Haft waren. 18 Monate meinte Jan, genauso als hätten wir dienen müssen. Wir sind im April entlassen worden. Roland war begeistert von den Typen. Ich sagte nicht mehr als zu viel solange Jan und Peter mit da saßen. Erst im Zelt sagte ich zu Roland, die wollen im Knast bis Ende April gesessen haben, schau dir mal den ihre Haare an, solang wie die sind, da reicht ein viertel Jahr nicht. Roland wurde nachdenklich, schließlich war er der jenige von uns der selber mal solche langen Haare hatte. Roland fragte, du meinst die wären von Guck und Horch? Ich meine gar nichts, du sollst nur einmal nachdenken, bevor du deinen Mund aufmachst, antwortete ich. So sind nun mal die Spielregeln in diesem Land.
Am nächsten Abend gingen wir zur Disco. Im Dorfgasthof brannte die Luft. Eifersüchtig wachten die Einheimischen über ihre Dorfschönheiten. Abends gegen 22.00 Uhr, ich hatte schon einen im Trobs, ging ich an den Tresen um mir neue Zigaretten zu holen. Ich hatte sogar Glück, der Wirt hatte Semper für 3,20 da. Ich kaufte gleich zwei Schachteln und steckte sie in meine Westentasche. Beim Tanz gabelte ich dann auch noch eine von den Dorfschönheiten auf. Es schien ein perfekter Abend zu werden. Die übernächste Tanzrunde wurde eine ruhige. Man kam sich beim Tanzen körperlich näher. Nach dem Tanz sagte meine blonde Schönheit, sie gehe mal kurz auf die Toilette sich frisch machen, sie käme gleich wieder. Nach 10 Minuten war sie immer noch nicht zurück. Ich ging sie suchen, sie war verschwunden. Ich griff nach einer der neuen Zigarettenschachteln und wollte erst einmal eine rauchen. Die Zigaretten waren weg. Jetzt wurde mir der Zusammenhang  klar, das Verschwinden von meiner blonden Schönen war kein Zufall. Na warte dacht ich, du alte Schlampe, wenn ich dich und den Kerl erwische der anfänglich mit ihr rumgelungert hatte, euch drücke ich in die Ecke. Aber sie blieben verschwunden, obwohl ich das halbe Dorf abgraste. Roland beruhigte mich und sagte, komm rauchste eine von mir mit. Wir blieben bis zum Anschlag und so sahen wir auch aus. Am schlimmsten hatte es Becki erwischt. Als ich am nächsten Morgen total verkatert aufwachte war Becki verschwunden. Verdammt dachte ich, wo kann er abgeblieben sein, er hatte es doch bis zum Zelt geschafft. Ich machte erst einmal den Zeltverschluss auf um frische Luft ins Zelt zu lassen. Ich dachte ich seh nicht richtig. Becki lag genau vor der Eingangstür und schlief im Dreck. Die Mücken hatten ihn zugerichtet, ich brauchte eine viertel Stunde um ihn von den Toten zu erwecken. Den Tag benötigten wir um nüchtern zu werden, faul legten wir uns ans Wasser. Aber es war gut so das wir die paar Sonnenstunden nutzten, denn am nächsten Tag regnete es gewaltig. Wir machten eine Inselrundfahrt. Hier oben wollte ich nicht begraben sein. Die Bäume waren ausschließlich dazu da, um den Horizont zu verstecken. Bis zum schlafen spielten wir dann Karten, der Regen trommelte sachte aufs Zelt, langsam schlummerte ich ein.
Am Morgen regnete es immer noch. Wir bauten das nasse Zelt ab. Um ehrlich zu sein, ich hatte keine Lust das nasse Ding noch einmal aufzubauen, denn die Feuchtigkeit würde es auf alle Fälle durchs Zelt drücken und wir müsten im Nassen liegen. Ich äußerte meine Bedenken. Roland und Becki teilten meine Meinung. Roland schlug vor Richtung Rostock zu fahren. Sollte das Wetter nicht besser werden, könnten wir von dort auf die Autobahn Richtung Berlin. Ich fand den Vorschlag gut.  Auf halber Strecke Richtung Rostock, blieb das Auto stehen. Roland und Becki schauten nach. Es war die Steckachse die ihren Geist aufgegeben hatte. Mittels eines Konus war sie mit dem Antrieb verbunden. Gesichert wurde die Verbindung durch eine Mutter, die am Ende des Antriebs aufgeschraubt wurde. Durch die Mutter und dem Antrieb wurde ein Splint gesteckt. Dieser fehlte, so hatte sich die Verbindung lösen können. Die Feder die den Konus gegen Verdrehung schützte hatte es weggeschert. Wir hatten Glück im Unglück, 100 Meter weiter befand sich eine alte Schmiede. Hier feilte ich aus einer 12er Schraube eine neue Feder. Aber der Konus war hinüber. Ein ordentlicher Sitz war nicht mehr gegeben. Es war abzusehen dass die Verbindung nicht  lange  halten würde. Unter diesen Umständen  war es besser Richtung Heimat zu fahren. Wir beschlossen noch eine Nacht in Berlin zu verbringen und dann am nächsten Tag nach Hause zu fahren. Auf der Fahrt fing es immer stärker an zu regnen. In Berlin, nähe Jannowitzbrücke, fanden wir einen Parkplatz. Roland wollte gerade auffahren als der Lada vor uns mit seinem Vorderrad in einem Loch verschwand. Verzweifelt rannte die Fahrerin um ihren schicken Lada. Wir stiegen aus und sahen uns das Dilemma an, ein Straßendeckel war samt Asphalt abgesagt. Den Deckel hatte es seitlich auf die Straße geschoben. Zu dritt hoben wir das Vorderrad aus dem Loch. Äußerlich schienen Achse und Felge noch ganz zu sein. Wir rieten ihr bei der Polizei eine Anzeige zu erstatten und das Auto in eine Werkstatt zu schaffen. Danach wollte Roland auf den Parkplatz fahren. Aber die Steckachse hatte sich wieder gelöst. Wir schoben den 1202 auf den Parkplatz. Die Lust auf Berlin war uns vergangen. Jeder von uns hatte Freifahrtscheine einstecken, Roland und Becki arbeiteten ja bei der Bahn. Wir schwangen uns in den nächsten Zug und ab ging es nach Hause.

Die letzten Urlaubstage verbrachte ich mit Conny. Sie hatte sich extra frei genommen. Wir gingen in die sächsische Schweiz wandern. Einen Tag fuhren wir in den Tharandter Wald nach Grillenburg gondeln. Das alte Jagdschloss in Grillenburg war mit einem Teich versehen, auf dem man Gondeln konnte.
Rolands Vater hatte für die Firma Schrottautos aus Berlin zu holen. Er konnte es einrichten, dass Rolands Auto mit nach Dresden gebracht werden konnte. Auf diese Art und Weise konnte  Roland sich seines Autos bald wieder erfreuen.


Sommer, Sonne, Sonnenbrand
Kleckerwolken Kieselsand
Ja die Ostsee macht was her
Was wollen wir denn am Schwarzen Meer*
* Lied Gruppe Possenspiel

Planung des Urlaubs

Noch bevor ich Conny kennen lernte hatten wir beschlossen Urlaub an der polnischen Ostseeküste zu machen. Wir, das waren Roland, Becki und ich. Das hieß aber auch wir mussten einen 1202 in einen fahrbereiten Zustand versetzen, so dass er auch einer Kontrolle der Polizei stand hielt. Hüni war ja bei der Armee, der konnte nicht mit Schrauben, da musste Becki eben mit ran, er lernte schließlich auch Kfz Schlosser. Roland wurde mit der Zeit immer knatziger. Ich fragte ihn was los ist. Er jammerte, dass er in letzter Zeit viel allein schrauben müsste, ich wäre auch nur noch zweimal in der Woche da. Ich sagte, das muss langen denn schließlich hätte ich auch noch eine Freundin, die mich hin und wieder einmal sehen möchte.
Aber in den Urlaub willst du auch meinte Roland.
Das war wohl war, es störte ihn aber auch nicht, wenn Becki mit seinen Weibern rum zog. Den sah er nach Feierabend noch viel weniger wie mich.
Das ist was ganz anders, meinte Roland darauf hin, der macht ja richtige Kfz Arbeiten und nicht solche Hilfsarbeiten wie du. Außerdem hat er noch nie mit uns so richtig mit geschraubt.
Jetzt wurde ich richtig sauer und sagte zu Roland, wenn du meine Arbeit so einschätzt kannst  du mit Sicherheit ganz auf meine Hilfe verzichten, schließlich sind es ja deine Autos und nicht meine. Ich war richtig angefressen und ließ Roland stehen. Urlaub konnte ich auch ohne ihn machen. Zwei Tage später stand Roland vor der Tür und meinte er hätte es so nicht gemeint. Ich war richtig erleichtert, das wir uns wieder aufeinander zu bewegten. Im Frühjahr wechselten wir die Karosse. Roland hatte eine bekommen, die noch einigermaßen vernünftig war. Die Löcher waren nur halb so groß, wie in der alten Karosse. Ich verspachtelte und verschliff die Roststellen. Nachdem Roland und Becki das Innenleben in der Karosse ausgebaut hatten, fingen wir an das Auto mit dem Pinsel zu streichen. . Lackieren war einfach zu teuer. Zuerst einen Grundanstrich und dann ein freundliches Schokoladenbraun als Deckfarbe . Das Dach strichen wir gelb.  Zu guter Letzt mussten noch die Scheiben eingebaut werden. Bei den Hintertüren gab es Probleme mit den Scheiben. Sie passten mehr schlecht wie recht in den Kurbelautomat.
Kurz vor den Schulferien wurde das Auto fertig. Roland lud Becki und mich in die Eutschützer Mühle zum Tanz ein. Freitag nach der Arbeit trabten wir los. Die Eutschützer Mühle befand sich in Bannewitz, einem kleinen Vorort von Dresden. Mit dem Bus fuhren wir bis Dresden Kaitz und liefen dann den Rest. Ruhig in einer engen Talsenke lag die Mühle. Roland hatte die Karten im Vorfeld organisiert. An dem Abend lernte ich Sabina kennen. Sie erzählte mir, dass sie aus Dresden Coschütz kommt und ihr Freund hätte sie mit dem Auto hierher gefahren. Da er zweite Schicht hat könne er nicht  mit zum Tanz. Sie selber wäre wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Prof. Köhler an der Uni. Ich wusste Sabina hatte ich schon einmal gesehen, konnte sie aber nicht einordnen. So alberten wir rum bis 23.00 Uhr, dann musste sie gehen. Am nächsten Montag fuhr ich in die Berufschule. Verschlafen saß ich in meinem Abteil und döste vor mich hin. In Pirna stieg ich aus. Auf dem Weg zur Schule lief vor mir eine junge Frau. Sieh an dachte ich, das ist doch Sabina, von wegen wissenschaftliche Mitarbeiterin. Schnell lief ich an ihr vorbei und grüßte, Guten Morgen Frau wissenschaftliche Mitarbeiterin. Verlegen senkte sie ihren Kopf. So ein Aas dachte ich und sah zu, dass ich fort kam.
Am Nachmittag holt ich Conny von Arbeit ab und fuhr mit ihr nach Hause. Ich brummte mal wieder, wie so ein Hochleistungstrafo. Aber der Schwiegermutterdrachen war zu Hause und passte auf wie ein Schießhund. Conny meinte, komm lass uns zum Wasserturm hoch laufen da ist ein großes Feld, da haben wir unsere Ruhe. Also machten wir uns auf die Strümpfe und zogen los. Im Feld machten wir es uns gemütlich, so gut es ging. Auf einmal merkte ich wie es unten herum feucht wurde. Ich  schaute nach und meinte erbost, du hättest mir ruhig sagen können, dass du deine Tage hast. Sie schaute verdutzt und meinte, das könnte nicht sein. Ist aber alles blutig erwiderte ich und schaut noch einmal nach  und siehe da, ich hatte mir im hohen Gras mein bestes Stück aufgeschnitten  und jetzt blutete es ganz gewaltig.
Bevor wir auf Arbeit in die einzelnen Abteilungen aufgeteilt wurden, mussten wir unsere Werkzeugmarken abgeben. Leinert sah schon seine große Stunde gekommen. Als wir unsere Marken abgegeben sollten, kam er mit den verloren gegangenen Werkzeugmarken und fragte, na wer muss denn jetzt noch etwas bezahlen? Thomas wie sieht es denn bei ihnen aus, ich habe zwei Marken von ihnen, das macht 20 Mark.
Ich sagte, ich weiß nicht wo die herkommen, mein Satz Werkzeugmarken ist jedenfalls vollständig. Leinert, sagte das kann nicht sein und zählte nach, er war sprachlos, mein Satz war vollständig. Genauso erging es ihm bei den Anderen. Es war für Leini kein guter Tag. Er ahnte wir hatten ihn ausgetrickst, aber er wusste nicht wie und er konnte es uns nicht nachweisen.
Komm doch mit zu nem ritt auf dem Sofa
Komm doch bitte mit zu mir
Komm doch bitte mit zu mir - warum stehen wir noch hier?*

*Lied Gruppe Amor and the Kids

Abschlussprüfung

Die Abschlussprüfungen standen an. Die Lehrer machten ihre Vorzensuren fertig. Das war Lehrer Krauses große Stunde. Den hatte ich zwei Jahre lang in schöner Regelmäßigkeit geärgert. Er schaute sich die Zensuren an und wollte als erstes die Vorzensur für den besten Schüler festlegen. Ich hörte gar nicht hin, denn der Beste, da war ich mir sicher, konnte ich nicht sein, drehte mich um und schwatzte mit Bernd. Auf einmal sagte Krause, der beste Schüler in meinem Fach sind sie Müller. Ich fühlte mich nicht angesprochen, schließlich gab es ja noch zwei andere Müller in der Klasse und schwatzte munter weiter. Krause hob seine Stimme, Müller ich rede mit ihnen. Bernd sagte, du der meint dich. Ich drehte mich zu Krause und sagte, das kann gar nicht sein, ich habe doch bei den Leistungskontrollen immer bei Löffel abgeschrieben, der muss auf alle Fälle besser sein wie ich. Die Klasse johlte vor Freude. Ich war ehrlich überrascht, das hatte ich nicht erwartet. Krause meinte zu mir, Müller sie stehen auf 1,5, wenn ich ihnen eine 1 als Vorzensur gebe können sie von der Prüfung befreit werden. Das würde ich in der Klasse jeden gönnen, nur ihnen nicht. Bei diesen Worten blühte er auf, sein fahles Gesicht bekam richtig Farbe und er lächelte dabei wie frisch verliebt. Sie bekommen bei mir eine 2 als Vorzensur. Innerlich ärgerte es mich schon aber anmerken lassen wollte ich mir das nicht. Treuherzig schaute ich ihn an und sagte, das betrachte ich als angemessen. Die Klasse lachte wieder. Auch in den anderen Fächern stand ich so, das selbst wenn ich eine Prüfung total verhaute, nicht durchfallen konnte. Das beruhigte meine Nerven.
In einer der Hofpausen standen Bernd und ich wieder auf dem Schulhof rum und rauchten. Dabei schauten wir auf die Gottleuba. Diese führte bedrohlich viel Hochwasser. Die Straßenbrücke stand kurz vor der Überspülung und dann würde das Wasser auch in den Schulhof laufen. Bei Herschel war das Hochwasser Thema in der nächsten Stunde. Aller 25 Jahre käme es so schlimm und die wären jetzt um. Er konnte sich noch an das Letzte gut erinnern. Das mit den 25 Jahren hatte ich schon des Öfteren gehört. Auch mein Vater erzählte einmal davon. Da hatte es ganze Häuser fortgerissen und es soll damals viele Tote gegeben haben. Aus diesem Grund hatte die Talsperrenverwaltung der DDR am Oberlauf der Gottleuba eine Talsperre errichten lassen. Vor knapp zwei Jahren war sie gerade noch rechtzeitig fertig geworden. Gar nicht auszudenken wie es hier aussehen würde, wenn es die Talsperre nicht gäbe. Ursache für das Hochwasser, hieß es, wären fehlende Bäume in den Kammlagen des Erzgebirges, wo der Fluss entsprang. Die Bäume waren dem Raubbau der zwanziger und dreißiger Jahre zum Opfer gefallen. Neuaufforsten war schwierig. Die Abgase der Industrieanlagen im Böhmischen Becken auf tschechischer Seite ließen ganze Wälder sterben und Besserung war nicht in Sicht. In der DDR versuchte man rauchresidente Bäume zu züchten. Aber man war noch beim experimentieren. Der Erfolg ließ auf sich warten.
In zwischen schrieben wir die ersten Prüfungsarbeiten. Immer einen Tag vor der Prüfung schaute ich mal flüchtig in den Hefter, um meine Erinnerungen aufzufrischen. Nur im Fach Werkzeugmaschinenkunde mühte ich mich mehr. Bei Herschel wollte ich schon mit einer zwei auf dem Zeugnis die Schule beenden, was ich auch schaffte. Bei Krause hatte ich die Prüfung verhauen, ich schrieb eine vier. Krause war es bestimmt ein Genuss mir eine drei auf dem Abschlusszeugnis zu verpassen. In der letzen Stunde bei Herschel lobte er unseren guten Zensurendurchschnitt. Wir wären ein ganzes Stück besser, wie seine eigene Klasse. Auch Herr Schrader unser eigentlicher Klassenlehrer war stolz auf uns. Er fragte nicht nur mich ob wir Lust hätten zu studieren. Da gäbe es nach erfolgreichen Lehrabschluss Möglichkeiten. Von Vorteil wäre es natürlich sich für eine längere Dienstzeit bei der Armee zu entscheiden. Ich verspürte auf einmal keine Lust mehr zu studieren.
Jetzt galt es Abschied zu nehmen von den Thüringern. Zwei Jahre waren geschafft. Das letzte halbe Jahr ihrer Lehrzeit würden sie im Feingusswerk Lobenstein beenden. Es war von Anfang an klar das es so kommen würde aber der Abschied viel mir verdammt schwer. Ein Trost blieb, zur Freisprechung würden sie noch einmal zwei Tage nach Dresden kommen. Einen Tag bevor sie nach Hause fuhren, gingen wir noch mal einen richtig schweppern.

Lass es laufenden Berg hinunter
Lass es laufen durchs Tal
Gott hat dem Fluss den Weg gegeben
Sicher tut er es nicht noch einmal
Bitte lass ihn ungestört
Das Wasser weiß selbst wo es hin gehört*
*Lied der Gruppe Keimzeit

Der Wettkampf

Es wurde Mai. Der 1. Mai war wie immer Feiertag. Es wurde der internationale Arbeitertag gefeiert. Wie jedes Jahr wurden republikweit Demonstrationen organisiert. Das lief über die Städte und Gemeinden sowie den ortsansässigen Betrieben. Ich verspürte seit meiner Schulzeit keine Lust daran teil zu nehmen. Genau genommen war es freiwillig da mit zu machen. Aber es wurde vermerkt wer erschien. Es war wie ein freiwilliges Muss. Das beschrieb die Situation am Besten. Ich überlegte mir, wie ich mich am Unauffälligsten davor drücken konnte. Also sagte ich zu Eckhold, ich gehe in meinem Heimatort Dresden demonstrieren, da ist viel mehr los wie in Heidenau. Außerdem sind bei den Feierlichkeiten in Dresden, hochrangige Politiker anwesend. Eckhold schaute mich schräg an. Meinte nach einer kurzen Denkpause, von mir aus. Letztendlich konnte er mir schlecht untersagen an den Feierlichkeiten in Dresden teilzunehmen. Nur das ich dort nie erschien. Eckhold wird es sich schon gedacht haben, aber nachweisen konnte oder wollte er es nie. Mai, die Prüfungszeit stand an. Doch bevor es soweit war erhielt ich eine Einladung zu einem internationalen Wettkampf in der CSSR. Ich war aufgeregt. Es war das erste Mal das ich eine erhielt. Die besten 10 Fahrer der Rangliste wurden eingeladen. Ich lag auf Rang 7 und war der Einzige von unserer BSG der eine Einladung erhalten hatte. Aber von Lok Dresden fuhren noch Gerd Schattschneider und Thomas Mütze mit. Gerd wohnte im Nachbarhof auf der Leubnitzer Straße. Er hatte es mitbekommen, das ich auch eine Einladung erhalten hatte und sprach mich an ob wir gemeinsam zum Wettkampf fahren wollten. Mir war es recht, gerade im Ausland fuhr man lieber zu zweit. Ich musste bloß mit Herschel klar kommen, denn mittags 12.00 Uhr wollten wir starten. Kurz vor der Prüfungszeit hatten sich die Lehrer immer etwas eng. Ich zeigte Herschel die Einladung, kein Problem meinte er, da haust du nach der dritten Stunde ab. Ich hängte die Sache nicht an die große Glocke und das war gut so. Müller Frank  hatte am gleichen Tag eine Einladung von seinen Eltern erhalten, sie hatten Silberhochzeit. Herschel war gnadenlos, er ließ Frank nicht gehen. Frank hatte es bei Herschel einmal verschissen, das war gleichbedeutend mit immer.
Wir trafen uns am Hauptbahnhof und fuhren mit unseren Rädern einschließlich Gepäck nach Schmilka an die tschechische Grenze. Mit der S – Bahn ging es problemlos. Hier schwangen wir uns auf die Räder und fuhren rechtseitig stromaufwärts Richtung  Usti. Auf tschechischen Straßen kam man gut voran. Sie waren fast alle asphaltiert. Wir fuhren direkt an der ersten Staustufe der Elbe vorbei. Eine finstere Staumauer mit einer Schleuse für die Schifffahrt. Ich war beeindruckt, denn ich wusste gar nicht, dass die Elbe soweit unten mit Staustufen versehen war. Hinter Usti quälten wir uns 6 km aus dem Elbtal raus. Nicht so wie in Dresden, wo man in einer viertel Stunde aus dem Elbtal raus war. Hier trat die Elbe aus dem nordböhmischen Mittelgebirge und die höchsten Gipfel lagen bei 800m ü. M. Als wir es endlich geschafft hatten, querten wir den Kamm um gleich wieder Richtung Elbe zu verschwinden. Steil ging es ab Richtung Leitmeritz. Nach ca. 20 Minuten hatten wir das Zentrum erreicht. Leitmeritz war eine schöne Stadt, mittelalterliche Bogengänge zierten den Marktplatz. Viel Zeit hatten wir nicht um die Stadt anzuschauen, weiter fuhren wir Richtung Roudnice. 5km vor Raudnitz  so hieß die Stadt mit deutschen Namen bogen wir in Richtung ausgeschriebenen Autocamping ab. Ich fragte Schatti ob er wüsste was die Tschechen unter einem Autocamp verstehen. Er meinte in der Regel sind das kleine Holzhütten mit vier Betten, zentraler Toilette und einer kleinen Gaststätte. Ich freute mich, denn ich wollte schon immer einmal in so einer Hütte übernachten. In der DDR gab es ja so etwas nicht. Von den Deutschen waren wir die Letzten die Anrückten. Die Zwickauer, Leipziger und Bitterfelder waren alle schon da. Die Tschechen waren richtig tolle Gastgeber.
Die Ausländer die da waren, Polen, Franzosen und wir Deutsche wurden alle extra bewirtet.
Nach dem wir unser Gepäck in der Hütte verstaut hatten machten wir uns zu Fuß auf den Weg zum Abendbrot. Eine viertel Stunde mussten wir traben. Während des Essens fing es an zu regnen. Aus dem Regen wurde ein Unwetter. Eine halbe Stunde schüttete es wie aus Gießkannen, so etwas hatte ich noch nicht erlebt. Wir zogen uns Schuhe und Strümpfe aus, krempelten die Hosen hoch und liefen auf der überschwemmten Straße zurück. Von den Hängen lief das Wasser in Strömen herab. Wir fingen an zu rennen, es hatte wieder angefangen zu regnen. Die kleine Holzbrücke über den Bach war schon überspült. Wir kamen gerade noch hinüber. Von hier waren es noch 200 bergan bis zur Hütte. Als wir unter dem kleinen Vordach standen, merkte Schatti dass er den Schlüssel verloren hatte. Der Campwart lief gerade durch die Anlage und kontrollierte ob alles in Ordnung war. Schatti machte ihm verständlich was passiert ist. Im gebrochenen deutsch antwortete er, wenn er den Schlüssel nicht findet, muss er 10 Mark bezahlen, wegen der Türreparatur.  Ich sagte zu Schatti, komm wir legen das Geld zusammen. Er wollte nicht und machte sich auf den Weg. Ich dachte noch der ist verrückt. Nach einer halben Stunde kam er wieder, völlig durchnässt über und über mit Schlamm bedeckt. Das Wasser hatte ihm die Beine fortgerissen als er über die Brücke wollte. Er konnte sich gerade noch am Brückengeländer festhalten. Zum Schlüssel hatte er nun noch sein Portmonaise eingebüsst. In zwischen hatte der Platzwart die Tür geöffnet, brutal mit einem Brecheisen. Das hätte er auch anders lösen können und wir hätten die 10 Mark gespart. Ich legte das Geld aus und borgte Schatti extra noch 10 Mark. Er war froh dass er seine Papiere separat gelegt hatte. Im Holzhaus befand sich ein kleiner Bahnheizkörper. Wir hängten seine Sachen zum trocknen auf, anschließend schlossen wir die Türe, mittels eines Strickes den wir durchs Schlüsselloch gefädelt hatten und banden diesen an einem der Betten fest. Endlich gegen 24.00 Uhr kamen wir zur Ruhe. Am Samstag Morgen holten uns die Tschechen mit einem Bus ab und fuhren uns nach Melnik und Rudnice zur Stadtbesichtigung. Anschließend war Weinverkostung angesagt, in einem kleinen Weingut bei Roudnice. Wir stiegen hinab in ein Kellergewölbe. Es war angenehm kühl, denn die Sonne brannte draußen ordentlich auf den Planeten. Ca. 2 Stunden dauerte die Verkostung. Zwischen den einzelnen Weinsorten aßen wir immer ein Stück Weißbrot zur Geschmacksneutralisierung. Während der Verkostung viel mein Blick immer mal wieder auf das junge Gemüse, sprich die 9 bis 14 jährigen. Die meisten kamen aus Bitterfeld. Kräftig naschten sie vom Wein. Das Erwachen kam als wir den Keller verließen und in die pralle Sonne traten. Die Sonne aktivierte den Kreislauf und brachte den Alkohol zum wallen. Wie ein Hammer schlug er zu. Ich dachte noch bloß gut dass es nur bei der Verkostung geblieben war, als sich die ersten Kinnings ihren Kittel bekleckerten. Aber auch manchen Erwachsenen erging es nicht viel besser. Ich für meinen Teil hielt mich bis nach dem Abendessen an alkoholfreie Getränke. Zum Abendbrot hatten die Tschechen uns in ein Tanzlokal eingeladen. Nach dem Essen wurde es munter. Wie hieß es doch so schön „ Bömisch Bier und dicke Weiber, da geht die Post voll ab “, oder so ähnlich. Jedenfalls schwang ich mein Tanzbein. Eifrig schob ich so eine blonde Schönheit vor mir her und versuchte eine Konversation aufzubauen, mittels ein paar Brocken russisch und tschechisch. Aber die Gute verstand mich einfach nicht.
Am nächsten Morgen um 9.00 Uhr begann der Wettkampf. Zum Aufwärmen hatte ich erst einmal ein paar Runden auf dem Rad gedreht. Als ich langsam Richtung Start rollte, sah ich eine junge blonde Frau in einer Gruppe stehen. Ich dachte Mensch das ist doch die von gestern Abend, wie kommt die denn hier her?  Ich schaute noch einmal genauer hin, na klar das waren doch die Polen, die ebenfalls an den Wettkampf teilnahmen und ich dachte ich hätte mit einer Tschechin getanzt, ja der liebe Alkohol.
Der Wettkampf begann, in Minutenabständen wurden die einzelnen Fahrer losgeschickt. Ich hatte noch eine viertel Stunde Zeit, auf einmal kamen die ersten Fahrer wieder zurück. Aufgewühlt erzählte Karl Heinz, ein Fahrer aus Zwickau, in dem Wald wo der Wettkampf statt fand liegt die tschechische Armee auf  Manöver und lässt keinen rein. Der Wettkampf wurde unterbrochen. Die tschechische Wettkampfleitung machte sich auf zu den leitenden Offizieren. Es stellt sich raus, sie hatten zwar den Befehl zur Freigabe des Waldstückes erteilt, dieser hatte aber noch nicht alle Truppenteile erreicht. Irgendwie fand ich das peinlich aber andererseits war es gemütlich böhmisch. Der Wettkampf wurde neu gestartet. Als ich ins Rennen ging merkte ich sehr schnell, in dem Wald wimmelte es von Soldaten, die gab es reichlicher wie Pilze. Nicht lange und ich hatte die ersten Fahrer überholt, es waren Tschechen. Verwundert stellte ich fest, dass sie um die Pfützen, von denen es nach dem schweren Unwetter reichlich gab, herumfuhren. So hatten sie natürlich keine Chance einen Blumentopf zu gewinnen.
Das GOF lief immer nach dem gleichen Prinzip ab. Mit dem Start ging man an einem Tisch, hier bekam man von der Wettkampfleitung ein Messtischblatt im Maßstab 1 : 25000 gereicht. Mit diesem ging es an den nächsten Tisch. Hier lagen für jede Altergruppe Messtischblätter mit eingezeichneten Kontrollpunkten aus. Diese musste man auf die eigene Karte übertragen.  Dabei ließ ich mir immer Zeit, es war schon für den Wettkampf enorm wichtig die Punkte exakt einzutragen. Wer hier einen Fehler machte hatte schon verloren. Bei diesem Maßstab entsprach ein Millimeter auf der Karte 25 Meter in der Natur. Die Kontrollpunkte waren immer nach dem gleichen Prinzip aufgebaut. Der Wettkampfausrichter  steckte eine kleine Stange die mit einem Wimpel und einem Stempel versehen war in die Erde. Den Kotrollpunkt trug er in die Karte ein. Diese Punkte wurden dann von dem Wettkämpfer angefahren. Hatte er den Punkt gefunden, drückte er den Stempel auf die Rückseite seiner Karte. Mit Beendigung des Wettkampfes gab er die Karte zur Auswertung dem Kampfgericht. Gewonnen hatte, wer alle Punkte in kürzester Zeit angefahren hatte. Die Grundlage für den Wettkampf war Punkte vor Zeit.  In welcher Reihenfolge er die Punkte anfuhr blieb dem Fahrer überlassen. Das hieß, vor dem losfahren musste er sich gedanklich die Rute zusammenstellen. Dabei gab es verschiedenes zu beachten, wie z.B.: Der kürzeste Weg muss nicht der Schnellste sein. In der DDR wurden beim GOF meistens Kopien von Messtischblättern aus den dreißiger Jahren verwendet. Seit dieser Zeit hatte sich so manche Straße verändert. 90% der Feldwege existierten nicht mehr. War es ein großer Wettkampf, wie z.B. die DDR – Meisterschaften, wurden die Namen der eingezeichneten Ortschaften geschwärzt. Man brauchte Erfahrungen um einen Wettkampf optimal zu gestalten.
Die Tschechen hatten bessere Messtischblätter, die waren auf dem neusten Stand. Als ich an meinen vierten Kontrollpunkt kam, hatte ich ein Erlebnis der anderen Art. In der Nähe des Kontrollpunktes hielt ich an und schaute auf meine Karte. Auf  dem zweiten Hügel der kleinen Hügelkette musste der Punkt sein. Neugierig schauten die tschechischen Soldaten auf meine Karte. Mit einem lauten Ahoi grüsste ich sie. Daraufhin rief einer der Soldaten etwas in den Wald. Auf einmal kam einer seiner Mitstreiter den Hügel hinunter gesaust. In der Hand hielt er die Stange mit dem Kontrollpunkt samt Stempel, ich strahlte. Plötzlich rief eine Stimme von oben, Thomas hast du den Kontrollpunkt gesehen, der muss doch eigentlich hier oben sein? Es war Thomas Mütze, er war zwei Minuten nach mir gestartet. Ich rief, komm da oben runter der ist hier und schüttelte mich vor lachen. Thomas kam runter gerannt und schimpfte das gibt es doch nicht. Ich sagte zu ihm, andere Länder, andere Sitten. Dabei schielte ich auf seine Stempel, er hatte einen weniger wie ich, er fuhr die Strecke anders. Nachdem ich alle Punkte angefahren hatte musste ich noch 3 km Feldweg fahren. Vor mir tauchte ein Trikot in den Farben der DDR – Nationalmannschaft auf. Es gehörte zu Peter, er war etliche Minuten vor mir  gestartet. Wie ein Magnet zog ich es mich an, ich schaffte es im Sprint noch vor ihm ins Ziel. Kurz vor der Siegerehrung wurde die Platzierung bekannt gegeben. Die ersten 10 Plätze in meiner Starterklasse belegten deutsche Fahrer, ich wurde fünfter, dass hieß ich hatte zwei aus der Nationalmannschaft hinter mir gelassen. Stolz trabte ich mit zur Siegerehrung. Während die drei Besten aufs Treppchen stiegen, gab die Wettkampfleitung bekannt, ich sei disqualifiziert wurden. Des weiterem überdenkt man, mich für das gesamte Wettkampfjahr zu sperren, wegen eines Verstoßes gegen das Amateurstatut.  Ich dachte ich hör nicht richtig, Amateurstatut was soll denn das sein? Sofort legte ich Protest bei der Wettkampfleitung ein, das kostete mich 10 Mark. 13.00 Uhr wurde ich vorgeladen. Ungehalten fragte ich Herrn Wiese den deutschen Chef des GOF, was das ganze Theater soll mit dem Amateurstatut?
Wiese meinte ich wäre beobachtet worden wie ich mich habe fotografieren lassen. Na und sagte ich, das ist doch nicht verboten. Einer der polnischen Sportfreunde hatte mich kurz vor Start gebeten, mich einmal fotografieren zu dürfen mit kompletter Wettkampfausrüstung, sprich Sturzkappe, Rennrad und im Clubtrikot. Mein Rennrad hatte ich mit einer roten Leuchtfarbe lackiert, ich glaube in der DDR gab es zu dem Zeitpunkt kein zweites Rad mit so einer Farbe. Das Trikot war in den Farben der Dresdner Verkehrsbetriebe gehalten Gelb mit schwarzem Brustring. Er postierte mich vor einem Poster auf dem sich ein schönes polnisches Mädchen rekelte, die meiner Tanzpartnerin von gestern verdammt ähnlich sah. Irgendetwas stand in Polnisch darunter. Wie viel Geld ich für das Bild bekommen hätte wollte Wiese wissen. Jetzt wurde ich richtig böse. Wie er denn auf diesen Unsinn käme, das sollte er mir jetzt erklären. Ich wäre gesehen worden, wie ich Geld bekommen hätte. Wütend sagte ich zu ihm, er soll mir die Person benennen die so etwas behauptet. Kurze Zeit war es ganz ruhig. Wiese schaute mich an, nahm 10 Mark und hielt sie mir hin. Hier hast du deine 10 Mark für deinen Einspruch wieder, die Disqualifikation ist zurückgezogen. Kopf schüttelnd  verließ ich den Raum.
Ich fragte Schatti wie er denn zurückfahren will. Er meinte bis Leitmeritz mit dem Rad, dann mit dem Zug bis Decin, da sparen wir uns die Berge und weiter bis zur Grenze  mit dem Rad. Das klang richtig gut. Als wir in Leitmeritz  in den Zug stiegen, stellten wir fest die Wagons waren nagelneu. An der Bauweise erkannten wir, es waren Bautzner  Wagons aus der DDR. Es roch noch richtig nach frischem Leder. Ich genoss während der Fahrt die schöne Landschaft. In Usti hatte man viel gebaut. Große Neubauviertel waren entstanden. Man baute modern, viele Plattenbauten. In Decin endete die Fahrt. Thomas, Gerd und ich traten kräftig in die Pedale. Weit kam ich allerdings nicht, auf einmal trat ich ins Leere. Ich wusste sofort was Phase war, das hatte ich schon einmal erlebt. In der Hinterradnabe befanden sich vier kleine Metallblättchen die auf einer Seite beweglich gelagert waren. Die andere Seite der Blättchen wurden durch Nadelfedern nach außen gedrückt und rasteten in das Gegenstück der Fahrradnabe ein. So wurde die Bewegung der Kette auf das Rad umgesetzt. Brachen die Federn weg, wurden die Blättchen nicht mehr nach außen gedrückt und die Kraftübertragung war unterbrochen, wie beim Leerlauf drehten die Pedale ins Freie. Es gab aber eine Möglichkeit diesen Effekt auch ohne diese Federn zu erreichen. Ab einer bestimmten Geschwindigkeit drückte die Fliehkraft die kleinen Metallblättchen nach außen nur musste man die Geschwindigkeit erst einmal erreichen und wenn sie eingerastet waren durfte man nicht mehr aufhören mit treten. Ich bat Gerd und Thomas mich anzuschieben. Gerd sagte zu mir sie hätten keine Zeit für so einen Unsinn, das würde nie funktionieren, er müsste nach Hause. Ich traute meinen Augen und Ohren nicht. Sie stiegen aufs Rad und verschwanden. Verärgert schob ich mein Rad ungefähr einen Kilometer weiter. Ich wusste da kommt ein  Berg, auf den musste ich erst einmal rauf und mit etwas Glück konnte ich bei der Abfahrt die benötigte Geschwindigkeit erreichen. Ich war gespannt wie ein Flitzebogen und hatte das Glück, die Geschwindigkeit war hoch genug. Nun kam es darauf an ein ganz gleichmäßiges Tempo zu finden. Immerhin waren es noch 10 km bis zur Grenze, wie bei einem Einzelzeitfahren musste man seinen eigenen Rhythmus finden. Drei Kilometer vor der Grenze hatte ich meine zwei Experten eingeholt, mit einem „ na ihr Arschgeigen “ fuhr ich an ihnen vorbei. An der tschechischen Grenze war erst einmal Schluss mit der Herrlichkeit. Hier musste ich anhalten und meinen Ausweis zeigen. Der deutsche Grenzübergang war ein reichlichen Kilometer entfernt. Von dort waren es noch 100m bis zur Elbe und auf der anderen Seite fuhr die S – Bahn. Ich wollte gerade los schieben, als ich von hinten angehupt wurde. Es war Eberhard, der für die Leipziger Verkehrsbetriebe fuhr. Er war mit seinem Wartburg Camping zum Wettkampf gekommen. Mensch, brüllte er was ist denn los, das du schiebst? Ich erzählte von meiner Panne. Komm, meinte er ich habe noch einen Platz frei im Auto und dein Rad bekommen wir auch noch unter.  Flugs baute ich meine 2 Räder aus und Eberhard verstaute alles im hinteren Teil des Autos. Als ich gerade einsteigen wollte, kamen Gerd und Thomas vorbeigefahren. Lachend winkte ich ihnen zu.
Am nächsten Tag nach Arbeit kam Gerd bei mir vorbei, er entschuldigte sich bei mir für sein unkameradschaftliches Verhalten und gab mir das geborgte Geld plus Schlüsselgeld wieder. Ist schon vergessen, sagte ich zu ihm.



Oben auf Türmen wo die Tauben sind
Spürst du von den Stürmen mehr als nur den Wind*
*Lied der Gruppe Phudys

Berlininitiative

In der DDR  hatte die SED ein Wohnungsbauprogramm beschlossen. Es mangelte ja an Wohnraum und so wollte man bis 1990 ausreichend Wohnraum schaffen, vorrangig in Berlin. Ganz klar, wo sonst. Mir stank das Gewaltig, alles drehte sich nur um Berlin. Die Jugendorganisation der DDR, die FDJ, verpflichtete sich die Aufgabe zu übernehmen. So versuchte man mit überdurchschnittlichen Löhnen Bauarbeiter und Handwerker nach Berlin zu locken, natürlich nur auf Montage. Eins wusste ich ganz genau, da machst du nie mit und selbst wenn sie DM zahlen würden. Aber so verbissen wie ich das sah, sah es nicht jeder. Da war zum Beispiel Kuttel, er hatte den ehrbaren Beruf eines Klempners erlernt und war somit zu einer sehr gefragten Person geworden. Zu klempnern gab es genug in der DDR. Es gab nicht nur den Wohnungsneubau, es gab ja auch noch genug Bauten aus der Vorkriegszeit und so sahen sie auch aus. Die DDR war stolz auf ihre niedrigen Mieten. Die Kehrseite war, wo nichts eingenommen wurde, konnte auch nichts ausgegeben werden. Die Subventionen die Vater Staat in die Wohnungserhaltung pumpte, waren nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. So kümmerten sich viele Mieter selber um den Handwerker. Die Handwerker brauchten gar nicht die Hände aufzuhalten, die Mieter gaben es freiwillig.
Kuttel war ein Geschickter und willig das große Mammon zu verdienen. Er arbeitete viel nach Feierabend und machte sein Geld. Aber er vergaß nie wo er herkam. Brauchten die alten Kumpels mal Hilfe war er immer zu diensten und verlangte dafür auch nichts. Während ich das dritte Lehrjahr begann, konnte Kuttel schon voll Arbeiten. Er ging nach Berlin auf Montage, um seinem Traum vom großen Geld näher zu kommen. Getreu seinem Motto, die erste Million ist die Schwierigste. Jens konnte sich dank seiner Arbeit auch so manches Extra leisten. Er vereiste viel mit Jugendtourist in das sozialistische Ausland. Wer viel reist hat auch viel zu erzählen und Kuttel hatte immer viel zu erzählen. Während seiner Reisen kam es ab und an vor, dass er mit Westgermanen in Kontakt kam. Frustriert meinte er dann, die werden immer viel besser behandelt wie wir. Wir sind gegen die der letzte Scheißdreck und das im sozialistischen Ausland. Wenn ich so etwas hörte verging mir gleich die Lust aufs Reisen. Kuttel war da viel unsensibler. Er genoss seinen Urlaub und das sollte er ja auch.
Honecker, Chef der SED und der DDR, hatte in einer seiner Reden die wirtschaftliche Situation in den staatlichen Betrieben beleuchtet und geäußert, aus ihnen wäre noch viel mehr herauszuholen. Einige DDR – Bürger nahmen diese Äußerung wörtlich und nahmen mit was nicht niet und nagelfest war. In einem Land, was eh dem unter  Mangelwirtschaft litt, waren solche Dinge schwer zu unterbinden. Mitunter bekamen sie es auch vorgemacht. Hatte eine Firma einen Auftrag zu erfüllen und dieser drohte zu scheitern weil Material fehlte, kam es schon vor, das dies beschafft wurde egal wie und wo her. Genauso wollte es Kuttel machen.
Er hatte in Dresden in einem Einfamilienhaus das Bad und die Küche eingebaut. Der Einzug des Besitzers verzögerte sich, da es wieder mal keine Gasherde gab. Kuttel wusste Rat. Auf der Baustelle in Berlin  standen welche rum, die irgendwann in den Neubauwohnungen angeschlossen werden sollten. Also machte er sich eines Samstag mit einem Kollegen auf einen Solchen in das Privatauto zu verladen. Nur kamen sie nicht weit. Einer der Anwohner hatte diese Aktion beobachtet und  die Polizei gerufen. Kuttel wurde an Ort und Stelle fest genommen und in U – Haft gebracht. Das Gericht war nicht zimperlich, wer sozialistische Errungenschaften schädigte wurde hart bestraft. Für das vergleichsweise geringe Vergehen verurteilten sie ihn zu einer Haftstrafe von über einem Jahr. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. Was mich wunderte, einen Tag nach seiner Verhaftung wusste das ganze Haus bescheid, was da passiert war. Am nächsten Tag klärte mich Herbert darüber auf. Bei uns auf der Straße wohnte der ABV ( Abschnittsbevollmächter ). Das war ein ein Polizeiposten und der da seinen Dienst versah war ein besonders rotes und vor allem dummes Exemplar der Menschheit. Ein richtiger Vollhorst. Der hatte von seiner übergeordneten Dienststelle den Auftrag erhalten eine Wohnungsdurchsuchung vorzunehmenn. Nun obliegt es dem Ausführenden wie er das macht. Er sorgte vor allem dafür das es jeder mitbekam. Das war um so peinlicher, weil er nur wenige Jahre älter war wie wir und als Kinder hatten wir uns logischer Weise alle gedutzt. Die meisten sahen es als einen Kavaliersdelikt an, Kuttel wollte sich ja nicht bereichern. Wer hatte denn selber noch nicht in der Firma was mitgehen lassen? Wenn es den Herd im Handel gegeben hätte, wäre er gekauft worden. Für Jens hatte die Geschichte aber noch ein Nachspiel. Er wollte  in seinem nächsten Urlaub in die Sowjetunion nach Jalta fliegen. Wie immer beantragte er das dazugehörige Visum. Dieses wurde abgelehnt ohne Begründung. Er musste seinen Urlaub umplanen. Aber das ließ sich ja alles noch verschmerzen, was viel schlimmer war, mit der Bewährungsstrafe kam er nicht zur Armee. Diese musste erst verbüßt sein, ehe er seinen Grundwehrdienst antreten konnte.

Ich bin Klempner von Beruf
ein dreifach Hoch
wer das Handwerk schuf.*
*Lied von Reinhard May

Die Armee

Die Armeezeit prägte immer mehr unser Leben. Eigentlich fing es schon während der Schulzeit an. Wer wollte konnte ab der sechsten Klasse in die GST eintreten. Luftgewehrschießen war schon was Geiles für uns Knirpse. Vater verbot mir in die GST zu gehen. Er meinte, schießen lernst du noch zeitig genug. Ich war natürlich sauer darüber. Becki hatte es da aus meiner Sicht besser, seine Mutter gestattete ihm den Eintritt. Sie war froh dass Andreas von der Straße kam. 
In der siebenten Klasse hatten wir im Fach Staatsbürgerkunde Frau Gringmuth als Lehrerin. Sie lag mit ihren Ansichten und Äußerungen dermaßen weit links, dass sie schon wieder rechts um die Ecke schaute.  Zwei drittel der Klasse erstarrte vor Angst, etwas Falsches zu sagen. Sie wusste immer jede Menge Räuberpistolen über das schöne Leben bei der NVA zu erzählen. Ihre ehemaligen Schüler, die Meisten, wären in ihren politischen Ansichten so gefestigt und gereift, das sie mit Freude länger dienen würden oder bei Spezialeinheiten ihren Dienst versehen durften. Das erste Mal baute sich bei mir ein innerlicher Widerstand auf, zu den länger Dienenden wollte ich nie gehören. Dieser Faden zog sich bis in die Lehre. Die ersten Freunde und Kumpels wurden gezogen, während ihres Urlaubs erzählten sie das Neuste von der Armee. Der Erwartungsdruck wurde bei mir größer, ich wollte dazu gehören, hatte aber gleichzeitig auch Angst vor dem was da kam. Die Erzählungen der Kumpels klangen wie aus einer anderen Welt herüber. EK – Bewegung, versoffene Vorgesetzte, kein Alkohol für Soldaten in der Kaserne, Schwedt, mieses Essen das hörte sich wirklich nicht gut an. Anderseits sah ich die russische Armee, da wusste man, es kann noch schlimmer kommen.
Im April sagte Roland zu mir, es wird Zeit dass wir mal Hüni besuchen. Ich freute mich schon darauf und kaufte eine kleine Flasche Schnaps, blauäugig wie ich war. In Döbeln gab es mehrere Kasernen. Natürlich landeten wir erst bei der Falschen. Aber die Soldaten am KDL (Einlass) waren in Ordnung. Hüni hatte grüne Schulterstücke. Sie wussten in  welcher Kaserne die Soldaten mit den grünen Schulterstücken dienten und beschrieben uns den Weg. An Hünis Kaserne angelangt gingen wir wieder zum KDL. Diesmal hatten wir kein Glück, irgend so ein Unteroffizier empfing uns recht unfreundlich. Zu wenn wir wollten - zu Herrn Hünersen sagte ich. Hier gibt es nur Dienstränge, blaffte er mich an. Böse sagte Roland woher sollen wir das wissen? Auf alle Fälle haben sie ihn vor einem halben Jahr zur Armee gezogen und das nicht als General. Der Unteroffizier schaute uns genervt an aber er klemmte sich hinters Telefon und telefonierte rum. Nach einer Weile sagte er mit einem hämischen Lachem im Gesicht, Soldat Hünersen hat eine Strafarbeit zu verrichten, wir sollen in zwei Stunden wieder kommen. Nach einer reichlichen Stunde tauchten wir wieder auf. Die Wache hatte gewechselt der Idiot war fort. Die Neuen waren ganz manierlich, einer von ihnen schaffte Hüni in kürzester Zeit herbei. Hüni hatte im Vorfeld zwar gewusst das wir kommen aber sein Ausgang war gestrichen worden. Fast nur Bekloppte hier, meinte er. Also gingen wir ins Besucherzimmer. Hüni sah alles locker. Er sagte nur, sie hätten ihn öfters mal am Hintern wegen irgendwelchen Mist. Ich reichte ihm die kleine Flasche Schnaps unter dem Tisch. Hüni meinte der Unteroffizier hätte sie uns weggenommen, denn er wäre berechtigt gewesen uns zu kontrollieren. Manchmal muss man eben Glück haben. Darauf nahm Hüni einen ordentlichen Schluck aus der Flasche. Nach zwei Stunden mussten wir gehen. Hüni brachte uns zum KDL. Gemeinsam mit der Wache vernichtete er die Flasche und wir fuhren gemütlich nach Hause.
Ungefähr einen Monat später kam Hüni übers Wochenende auf Kurzurlaub. Im Vorfeld hatten wir uns ausgemacht ins Erzgebirge zum Tanz zu fahren. Am späten Nachmittag holten wir Hüni von zu Hause ab. Er sah nicht besonders gut aus. Geplagt von Zahnschmerzen hatte er eine halbe Flasche Schnaps getrunken gemischt mit Faustan. Wir fuhren nach Bärenstein, aber die Disco viel aus. Weiter ging es nach Geising, auch hier war nichts los aber wenigstens erfuhren wir, in Lauenstein ist Tanz. Also fuhren wir zurück nach Lauenstein. Im goldenen Löwen war Oldidisco. Roland und ich staunten nicht schlecht, Hüni schwang wie ein wilder sein Tanzbein und das in seinem Zustand. Zwischenrein trank er ja auch immer noch Bier.
Drei Wochen später bimmelte das Telefon, Hüni rief aus der Kaserne an. Du Mülli, ich habe hier einen Zettel in meinem Portmonaise gefunden mit der Adresse von so einem Trutenfuss. Die kann ich nur in Lauenstein kennen gelernt haben. Weist du noch wie die aussah?
Ich musste lachen. Das er sich nicht mehr erinnern konnte wunderte mich nicht und sagte zu ihm, wenn es die war mit der du den ganzen Abend zusammen warst, ist es eine ganz Hübsche.
Das schöne Kind hieß Sylvia.

Spaniens Himmel breitet seine Sterne
Über unsere Schützgräben aus
Und der Morgen grüßt schon aus der Ferne
Bald geht es zum neuen Kampf hinaus*
*Lied Ernst Busch


Andreas Linke

 Es gab Menschen in meinem Leben mit denen teilte ich einen Lebensabschnitt und die sich dann pö ab pö aus dem eigenen Leben verabschiedeten, obwohl sie einem lange Zeit wichtig waren. So ein Mensch war Andreas Linke. Seine Spuren verloren sich wie Sand im Wind. Andreas und ich gingen gemeinsam in die Schule. Er war Schüler der Parallelklasse. Ein Jahr nach mir entdeckte er seine Liebe zum Radsport. Gemeinsam legten wir etliche tausend  Kilometer auf dem Rad zurück. Es war die Basis für eine lange währende Freundschaft. Gemeinsam träumten wir von den Mädels und der ersten großen Liebe.  Andreas zählte zu Genies in der Schule, er hatte fast nur Einsen auf dem Zeugnis. Aber ein Musterschüler war er nicht, dazu war er viel zu unbequem, starrköpfig und ein Querdenker. Radsport war für ihn ein Ausgleich zu seinem ungestümen Wesen auf der Einen und dem Feingeist auf der anderen Seite. Andreas war hoch musikalisch veranlagt. Schon vor Beendigung der 10. Klasse hatte er die höchste Amateurstufe im Klavierspielen erreicht. Nach Schulschluss saß er fast täglich mehrere Stunden mit einer bewundernswerten Ausdauer am Klavier. Diese Ausdauer entsprach seinem Charakter, Andreas hatte eine Kämpfernatur. Manchmal hatte ich Angst vor diesem Kämpfergeist, er hatte was selbstzerstöreriches an sich. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte zog er es durch, da konnte kommen was wollte, auch wenn er wusste dass es anders besser wäre. Aber gerade das machte ihn stark und zeichnete ihn aus. Nach Beendigung der 8. Klasse verließ er unsere Schule und ging auf die Penne mit dem wohlklingenden Namen Romain  Rolland.
In meiner Freizeit schlug ich viel bei Andreas auf. Er wohnte unweit der Lukaskirche. Er war einer von den Schülern, die wir als die „ Anderen“ bezeichneten. Als die „ Anderen“ bezeichneten wir Schüler unserer Schule die auf der anderen Seite der Juri - Gagarin - Straße wohnten. Auf Grund des langen Schulweges kamen sie oft, wenn es das Wetter zuließ, mit dem Fahrrad in die Schule. Wenn ich bei Andreas war spielte er mir viel auf dem Klavier vor. Ich staunte über mich selbst, dass ich mir das anhörte. Denn ich war absolut kein Freund der klassischen Musik. Aber Andreas spielte nicht nur Klassik, er war ein Freund des Hartrockes und spielte viel Deep Purple auf dem Klavier. Sein polnisches Hifi Tonbandgerät war voll mit Musik von dieser Band. Als alter Glam – Rockfan fand ich die Musik anfänglich gewöhnungsbedürftig.
Selbst auf der Penne gehörte Andreas, was das Fachliche betraf, zur Elite seiner Schule, er brachte es auf einen Zensurendurchschnitt von 1,1 und wie ich feststellte lernte er dafür nicht viel mehr wie ich. Politisch geriet er mehrmals mit der Schulleitung in Konflikt. Die Krönung erlebte er diesbezüglich in der 12. Klasse. Erfolg macht neidisch, das bekam Andreas zu spüren. Mehrere Jungs aus seiner Klasse hatten es fachlich nicht drauf das Abitur abzuschließen. Solchen Schülern bot der sozialistische Staat die einmalige Chance das Abitur auf eine andere Art zu erwerben. Sie konnten sich für 25 Jahre als Offizier zur NVA verpflichten. In einer Schulpause äußerte Andreas vor diesen Schülern seine Meinung zum Thema Republikflucht. Er sagte einfach, es gibt ja leider keine Möglichkeit die DDR offiziell zu verlassen, dadurch werden solche Dinge provoziert. Einer von denen hatte nichts Besseres zu tun als Andreas bei der Schulleitung anzuzeigen. Dabei hatte Andreas noch Glück, der Direktor stellte die Äußerungen als einmalige Entgleisung hin. Andreas musste sich öffentlich vor dem Fahnenappell entschuldigen und sich von seiner Äußerung distanzieren. Für ihn war es eine gewaltige Demütigung. Ich fand solche Dinge einfach nur beschämend.
Was den Radsport anging fuhren wir in etwa auf einem Level. Unser Radsportverein war die BSG Verkehrsbetriebe Dresden. Bei Wettkämpfen  fuhr in der gemeinsamen Altersklasse aus unserer BSG noch Dietmar Vielhauer mit. Er wohnte gleich bei Andreas um die Ecke und war ein Jahr älter wie wir. In der DDR Rangliste teilten wir uns die Plätze 7 bis 12 mit den Fahrern von Lok Dresden. Die besten Fahrer kamen aus Zwickau. Nur selten gelang es uns in die Falange dieser Fahrer einzudringen. Für uns war es Freizeitsport für die Zwickauer Leitungssport.
Nach Abschluss seines Abiturs hatte Andreas großes Glück. Er kam gleich zur Armee. Ich musste noch ein halbes Jahr lernen und anschließend ein halbes Jahr arbeiten, ehe ich einberufen wurde. Während seiner Armeezeit kam Andreas mich fast immer besuchen, wenn er auf Urlaub war. Er diente in Berlin bei irgendeiner Grenzeinheit. Nach der Grundausbildung hatte er das Glück des Tüchtigen, er wurde in ein Offizierscasino abkommandiert. Hier führte er ein relativ geruhsames Leben und verdiente sich nebenbei noch eine ganze Menge Kohle, durch Trinkgeld und Schnapspanschen.
Unsere Wege verloren sich als ich zur Armee kam.

Wir sind Soldaten der Arbeitermacht
Und wir stehen an den Grenzen des Landes
Wir von den Feldern und wir aus dem Schacht
Stehen als Grenzer auf der Wacht*
*Lied der Grenzsoldaten